Schallplatten sind keine Salontische
Zirka 1991, zu Besuch in einer WG an der Zürcher Weststrasse, damals eine der am meisten befahrenen Transitstrassen Europas. Entsprechend der demografische Mix vor Ort: Kinderreiche tamilische Flüchtlingsfamilien zwängten sich klaglos in überteuerte Dreizimmerwohnungen, alte Menschen verbrachten hinter verrussten Fenstern und dicken Gardinen ihren Lebensabend und die kleine Synagoge unserer jüdisch-orthodoxen Mitbürger, hart an den Gestaden des reissenden Verkehrsflusses erbaut, fiel keinem auf. Und dann eben die WGs, in denen sich die junge Wohnlage-Avantgarde eingenistet hatte.
Da kein halbwegs vernünftiger Immobilienbesitzer auch nur einen Rappen in diese Liegenschaften investierte, verbargen sich hinter den abgasgeschwärzten Mauern die total coolsten Altbauwohnungen der Stadt. In so einer Wohnung sass ich also mit ihren drei supercoolen Bewohnerinnen, euphorisiert nicht nur durch die Sachen, die wir da rauchten, sondern auch von den grosszügigen Räumen, dem exquisiten Parkett und dem punkigen Chic der Einrichtung, die einen hübschen Kontrast bildete. Doch je länger ich dasass, desto unbehaglicher wurde mir. Etwas an diesem Wohnzimmer störte mich gewaltig.
Was es war, fiel mir Wochen später auf, als ich abermals in dem funky Sechzigerjahre-Sofa hing: Nirgends gab es Bücher. Was noch knapp zu verkraften gewesen wäre, wenn nicht auch noch die Schallplattensammlung gefehlt hätte. Stattdessen stand ein lädierter Gettoblaster in der Ecke, drum herum verstreut einige CDs, das Repertoire oberflächlich hip und die Plastikhüllen allesamt beschädigt. Da wurde mir schlagartig klar: Wohnkultur allein ist noch keine Kultur. Die tollsten Möbel nützen nichts, wenn nichts Schlaues drinsteht, die coolste Wohnung ist nicht wirklich cool, wenn sie nicht zusätzlich durch den richtigen Sound erfüllt wird.
Zusammengefasste Weisheit: Musik und/oder Literatur gehören zur Wohnungseinrichtung wie Salontische und Kuschelsessel. Lieber also ein billiges Billiregal von Ikea mit einer gut sortierten Bibliothek als ein teures Designermöbel, in dem das einzige Buch des Haushalts, das Telefonbuch, neben Vasen ohne Blumen, der Flamencopuppe vom letzten Spanienurlaub und natürlich dem Grossbildschirmfernseher im Gestell verstaubt. Wobei, dies als kleiner Umkehrgedanke, der hier nicht weiter ausgeführt werden soll, die später in den Neunzigerjahren in Mode gekommenen freistehenden Metall-CD-Ständer natürlich auch überhaupt nicht gehen – auch wenn die sich darin befindende Sammlung von erlesenem Geschmack zeugt.
Allzu eng darf man Musik als Wohnungseinrichtung aber auch nicht auslegen. Als ich dann meine eigene sehr coole Altbauwohnung bezog, hatte ich die Idee, Teile meiner Plattensammlung an zwei Orten im Wohnzimmer aufzustapeln und Nachttischlampen aus dem Brockenhaus draufzustellen. Sah klasse aus, muss man mir lassen. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass es komplett bescheuert war. Als würde man einen Esstisch auf die Platte legen und die Beine als Garderobe benutzen.
Nun habe ich aber die Tendenz, an vermeintlich genialen Ideen selbst dann noch festzuhalten, wenn ich mir schon längst das Gegenteil bewiesen habe. Um die Platte zu finden, die ich gerade hören wollte, lag ich nicht selten bäuchlings auf den Boden, oder hing kopfüber zusammengeklappt davor. Wenn gefunden, klaubte ich sie aus dem Stapel. Weil dieser nach einigen solcher Vorgänge aber zum schiefen Turm von Pisa wurde oder ganz auseinanderbrach, was mich fast jedes Mal eine Glühbirne kostete, sah ich schliesslich von der Methode ab. Ich stellte die Lampe weg und hob den Stapel dort ab, wo das gewünschte Teil lag. Man kann sich ausmalen, wie es endete: Mehrere kleine Stapel nebeneinander, die Lampe auf dem Sofa liegend, ich mit den Nerven am Ende, weil ich nichts mehr fand.
Ab etwa 2006 wurden solche Überlegungen zunehmend überflüssig. Heute stapeln sich in meinem Laptop mehr Schallplatten, als in meinem Wohnzimmer jemals Platz finden würden, mit Suchfunktion und Statistikprogramm, mit dem ich meine ganz persönliche Hitparade ermitteln kann. Jetzt kann ich mir das mit den Schallplatten als
Salontischchen nochmals überlegen, hoffe aber, dass es für immer und ewig Bücher gibt, die ich drauflegen kann.
Ausgabe 2/2011
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