König Mammon und seine Diener
Es gibt Dinge, die sich nicht einfach so erzählen lassen. Weil es einem selbst schwer fällt, sie zu glauben, weil es nicht einfach ist, sie glaubhaft zu schildern, und weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Yvonne Kunz ist freie Journalistin in Zürich und regelmässige Mitarbeiterin von Cigar. Ihr Bericht, von einer Begegnung mit einem Namenlosen, ist eine Nachricht aus der Schattenwelt der Hochfinanz.
Auerbachs Bar in Genf
Man kann auch in der beschaulichen Schweiz mitten in den globalen Wahnsinn geraten. Zum Beispiel wenn man seinen Frust zur Welt im Allgemeinen und seine kleine, muffige Ecke davon im Besonderen in einem Long Island Iced Tea zu ersäufen gedenkt. Dass dann ein Amerikaner in einer Bar mit verdunkelten Scheiben in Genf sitzt, seinen Hocker offeriert und offenbar gewillt war, dem wild schwadronierenden Elend seine Aufmerksamkeit zu schenken, erschien in jenem Moment als das Beste, was einem seit langem passieren konnte. Zumal im weiteren Verlauf der Nacht die Drinks ungefragt im Takt der Tiraden auf die Theke knallten.
Tags darauf das Erwachen mit fauchendem Kater, einer Verabredung zum Dinner am Donnerstag und der Erinnerung daran, dass der Amerikaner auf meine Frage, was er denn so mache im Leben, geantwortet hat: «Ich habe eine Bank.»
Sonst wusste ich wenig, nein, nichts über den Mann. Bis ich dann an einem weiss betuchten Tisch sass, vor mir ein Amuse Bouche, ein Gebilde aus Gemüse-Juliennes, Teig und Kaviar. Ich blätterte durch eine epische Weinkarte, während er noch telefonierte. Für den Preis der günstigsten Flasche könnte ein Single eine Woche All-inclusive-Ferien in Tunesien machen.
Fünf Gänge später kannte ich wohl die Personalien, den Ausbildungsweg und die beruflichen Stationen meines Gegenübers. Beim Versuch eines umfassenden Bildes dieses Mannes freilich, der über meine in verschiedenen englischen Akzenten vorgetragenen Witze lachte und mir beschied, dass ich «a hell of a spy» wäre, versank ich in den Informationen wie der Zuckerwürfel im Espresso vor mir. Als er mich nach dem vierten Bourbon fragte, ob ich Interesse hätte an Industriespionage, dämmerte mir, warum.
Gespannt auf den Bericht von meinem geheimnisvollen Date fragte mich eine Freundin, ob er denn gut aussähe. «Er sieht gar nicht aus», sagte ich und fragte mich, ob ich ihn auf der Strasse wiedererkennen würde. Aufgrund der Tatsache, dass er nicht nur Banker, sondern ein internationaler Anwalt war, «auch für die Regierung» arbeitet, attestierte ihm die Freundin Boyfriend-Potential. Dass ohne Unterlass eines seiner fünf Telefone und Blackberrys fiepten und knurrten und er jedes Mal ein entschuldigend lächelndes «I’m sorry, i’ve really got to take this call» in meine Richtung sandte, um dann während intensiver Verhandlungen vor den Scheiben des edlen Schuppens auf und ab zu gehen wie ein Pendel, fand sie allerdings das Letzte.
«I’ll call you», textete er am Morgen danach und war monatelang unerreichbar.
Veränderte Gefahrenlage
Bis in diesem Juli, da ruft er plötzlich an. Mindestens einmal um die ganze Welt gehetzt sei er. Verschiedene «Transactions» hätten ihn total absorbiert, nicht alle seien gut gelaufen, aber «ah well, whatever. How ARE you?» Kurze Zeit später lässt er sich in der Züricher Innenstadt laut seufzend in einen Sessel plumpsen, «I need a gin and tonic». Es ist drei Uhr nachmittags. «Du hast keine Ahnung, my dear, keine Ahnung. Anyway, how ARE you.» Und schon klingelt’s und he’s got to take this call. «I’m sorry.»
Man braucht keinen Doktortitel in Ökonomie, um zu ahnen, in welchem Schlamassel der Mann mitrührt. Zusammengefasst lassen die Meldungen in Sachen globaler Wirtschaftslage nur eine Prognose zu: Debakel. Die Welt geht pleite. Europa wirft verzweifelt Rettungsringe, spannt Rettungsschirme und man fragt sich allmählich, was da noch zu retten ist. In den USA zerfleischen sich politische Proleten gegenseitig im Streit darum, wie der gigantischen Verschuldung des Landes beizukommen ist. Man muss auch kein übermässiger Pessimist sein, um festzustellen: gar nicht.
Für einmal sind sich auch Medien jedwelcher Couleur weltweit einig. Unsicher zwar, aber einig. Am 3. August meldet der Zürcher TagesAnzeiger, die grossen Rating-Agenturen Moody’s und Filch sähen trotz der endgültigen Einigung im US-Schuldenstreit «schwarz» und die Zukunft der bisher unumstrittenen Wirtschaftsmacht Nummer eins «negativ». Die New York Times gibt sich tags zuvor noch weniger diplomatisch: «Dieser Deal wird die noch immer taumelnde amerikanische Wirtschaft endgültig in den Abgrund stossen.» Im Verbund mit dem Euro-Desaster wird eine verheerende Kettenreaktion apokalyptischen Ausmasses immer plausibler.
Ist die globale Wirtschaft die grösste Gefahr für die Weltsicherheit geworden?
«Oh yeah, absolutely», meint der Amerikaner und nimmt einen grossen Schluck von seinem Gin Tonic. «Die USA gehen gerade in einen Double-Dip (zwei kurz aufeinander folgende Rezessionen, Anm. der Redaktion) und werden zahlungsunfähig. In einem, vielleicht zwei Jahren werden sie die Zinsen für die astronomischen Schulden nicht mehr bedienen können.» Damit wird auch China, der grösste Gläubiger der USA, in den Negativsog geraten. Um Europa ist es auch nach Expertenmeinung nicht besser bestellt: «Greece is gone. Italy is gone. Spain is gone. Portugal is gone. Ireland is gone.» Die EU, so seine Einschätzung, wird in absehbarer Zeit eine andere Gestalt haben. Der Norden wird sich zusammenschliessen, weil er sich den Süden nicht mehr leisten kann.
Vordergründig erhält die Politik durchwegs den Schein der Zuversicht aufrecht – und liefert sich Scheingefechte um Glaubensfragen darüber, welche Massnahmen für eine blendende Zukunft sorgen, unter Ausblendung der Tatsache, dass die Zukunft so oder so unangenehm werden wird. «Natürlich wissen die Politiker sehr wohl, wie es um die globale Wirtschaft steht», sagt der Amerikaner. «Doch dies will niemand aussprechen. Wie sagt man noch? Tod dem Überbringer der schlechten Nachricht!»
Der virtuellste Krieg
Doch hinter den Kulissen bereiten sich die Politprofis der Regierungen längst auf den Kollaps vor. Auf verschlungenen Pfaden weitab der öffentlichen Wahrnehmung, weit weg vom Rampenlicht der Börsen wickeln Vermittler im Auftrag der Regierungen Deals ab, von denen man glaubt, dass sie im Ernstfall das Schlimmste verhindern werden. Für etwas Sicherheit sorgen könnten. Sie lagern Billionen aus Wertpapieren in feste Werte wie Gold oder Mineralstoffe sowie Verbrauchsgüter um. Bezeichnenderweise sitzen die Broker dieser Deals nicht etwa an irgendwelchen Schreibtischen in den Wirtschaftsdepartementen, sondern arbeiten für das Verteidigungsministerium.
Der denkbar gewordene wirtschaftliche Super-Gau hat in der Landesverteidigung höchste Priorität erhalten. Wenn islamistische Terroristen schon ein nebulöser Feind waren, dann gilt dies für die ökonomische Bedrohung umso mehr. Im Gegensatz zu dieser ist der ideologische kulturelle Krieg einzelner Fanatiker geradezu übersichtlich. Schon bei diesem waren die Fronten nicht mehr klar zu ziehen, Nachrichtendienste und Armeen waren angesichts der Unwegsamkeiten von Interessen, Strömungen und Propaganda machtlos. Dennoch war der Krieg gegen den Terror letztendlich ein menschlicher, physischer, während wir beim Krieg gegen den Kollaps vollends im Virtuellen angekommen sind. Der Gegner ist ein globales System, man kann es nicht mal mehr kapitalistisch nennen, dessen Systematik sich kaum mehr erschliesst. Zu multifaktoriell, zu gross, zu verwoben ist es geworden, um noch berechenbar zu sein. «Ordnung», um es mit Kant zu sagen, «ist die Verbindung des Vielen nach einer Regel.» Betrachtet man die Weltwirtschaft, dann kann man sich keine grössere Unordnung vorstellen.
Die menschlichen Drohnen
Und nun agieren Menschen in den Zwischenwelten von Regierungen und Privatwirtschaft, um zu retten, was zu retten ist. Es ist ein dreckiges Geschäft, nur schon seine Aura lässt einen erschaudern. Sie sind schwer zu fassen – selbst wenn man einen von ihnen per Zufall persönlich kennen lernen sollte. Diese unsichtbaren Männer und Frauen haben keine Visitenkarten. Ihre acht, neun Telefonnummern und 20 E-mail-Adressen würden auch keinen Platz finden auf einem kleinen Stück Karton. Und ihre Koordinaten stimmen ohnehin nur kurzfristig. Wer muss, der kennt die Secure Line. Sie besitzen Banken, die keinen Briefkopf und keine Adressen haben.
Sie vertrauen niemandem, sie sind allein, aber immer umschwirrt von einem ganzen Schwarm Lobbyisten, Investment-Haien und ukrainischen Frauen auf der Suche nach ihrer Art Investment. Sie existieren vor allem am Telefon, in ihren Köpfen und leben aus Koffern. Wenn sie am Morgen aufstehen, manchmal noch nicht einmal beim Mittagessen, wissen sie nicht, wo sie abends ins Bett fallen werden, in London, Zürich, Madrid oder Washington. Ihre Büros haben sie überall und nirgends; Airport Lounges, 20-Punkte-Restaurants, Strassenecken, Edelbordelle. Ihre Geschäfte laufen nicht elektronisch, sondern über Papiere. Für jedes Papier brauchen sie aber zwei Experten, die bescheinigen, dass das Papier ein Papier ist. Sie leben in einer irrealen Welt und dieses Leben erschafft ihre Identität; keine. Eine bessere Tarnung gibt es nicht. Sie sind menschliche Drohnen.
Small business matter
Am Donnerstag, dem 4. August, gehen die Börsen auf Talfahrt, Panikverkäufe setzen ein, die Interventionen von Nationalbanken zeigen keine Wirkung, binnen weniger Tage sind Billionen vernichtet worden, man bereitet sich auf einen nächsten «Black Friday» vor. Die New York Times haut im Stundentakt Breaking News Alerts mit den neuesten Zahlen raus. Weil Aktienmärkte in der Regel ein verlässlicher Frühindikator sind, wird das Raunen über einen bevorstehenden Double-Dip unüberhörbar, die Angst vor einem Crash der Realwirtschaft geht wieder um.
Und der Amerikaner muss sofort nach London. Und ich mit.
«Nur ein kleiner Business Matter», sagt er, als würden seine Mobiltelefone nicht noch hysterischer klingeln als sonst. In der Bar im Londoner Financial District riecht es nach Schweiss und Bier. Des Amerikaners Gefolgschaft ist wie immer einige Tische entfernt platziert, gerade so, dass sie ausser Sichtweite sind. Heute kann man sie aber hören, und wie es scheint, verlieren sie schon auch mal die Contenance. «Ohh, it’s nothing», sagt er langgezogen und betrachtet seine Mitstreiter, als wären sie seine Kinderschar. «Sie sind einfach alle total durchgeknallt.» Er hebt das Glas für einen Toast. «To you!» Bevor unsere Gläser aufeinandertreffen, surrt sein Telefon. «Sorry I’ve got to take this call.» Er wirft seine Serviette auf den Tisch, «Hang on, I’ll just ...» und schon ist er draussen vor der Tür und geht auf und ab.
Als er zurückkommt, sagt er, er müsse weg. An eine dringende Sitzung in Washington. Und so entschwindet der Mann ohne Eigenschaften im aufwirbelnden Staub der Weltwirtschaft.
Der vorliegende Text wurde im Stil des Gonzo-Journalismus verfasst.
«Gonzo» bedeutet im amerikanischen Englisch «exzentrisch», «verrückt». Begründet wurde diese journalistische Form in den Siebzigern von Hunter S. Thompson. Hauptmerkmal dieser extremen Form des New Journalism ist das Wegfallen einer objektiven Schreibweise. An ihre Stelle tritt die subjektive Sicht des Schreibenden, der sich selbst in Beziehung zu den Ereignissen setzt. Das Spektrum der Stilmittel ist gegenüber des klassischen Journalismus erweitert: Oft finden sich Sarkasmus, Schimpfwörter, Polemik, Humor und Zitate in Gonzo-Stücken. Nach journalistischen Kriterien handelt es sich bei Gonzo weniger um Journalismus, sondern um Literatur, da die Arbeitsweise nicht den Anforderungen des Pressekodex entspricht. Hunter S. Thompson definierte Gonzo als einen «professionellen Amoklauf». Der heute namhafteste Vertreter des Stils im deutschsprachigen Raum ist Helge Timmerberg.
Ausgabe 3/2011
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