Eine Zigarre für Michael Ende und die grauen Herren
«Manchmal hat man eine sehr lange Strasse vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man aus der Puste und kann nicht mehr. Und die Strasse liegt noch immer vor einem. So darf man es nicht machen.»
Beppo Strassenkehrer
Sie fahren teure, elegante Autos und tragen runde Hüte. Sie sind überall und fallen trotzdem nicht auf, jeder hat sie schon gesehen und doch vergisst man ihre Existenz so schnell wie möglich wieder, denn sie machen den Menschen Angst. Wenn sie auftauchen, fröstelt es einen, denn sie bringen kalte Luft mit sich und sie sind ganz in grau gekleidet. Eigentlich sind diese Herren nicht nur grau gekleidet, sie sind ganz und gar grau, denn auch ihre Hände und sogar ihre Gesichter sind papierfarben und fahl. Wo sie auftauchen, verbreiten sie Angst und Unwohlsein. Sie können gut rechnen und zeigen denjenigen, die sie besuchen, wie viel Zeit sie im Leben schon vergeudet haben. Dann fangen diese Menschen an zu arbeiten, wie verrückt und beginnen auf jede Freude im Leben und jeden Müssiggang zu verzichten. Die grauen Herren stehlen diese gesparte Zeit und zehren davon auf wundersam-furchtbare Weise ihr Dasein. Alleine das kleine Wunderkind Momo kann den Zeitdieben trotzen und mit ihren Freunden Beppo Strassenkehrer, Gigi Fremdenführer und der weisen Schildkröte Kassiopeia den alten Meister Hora finden, der die Stundenblumen bewacht und alle zusammen besiegen die grauen Herren und retten so die Welt vor den Räubern der irdischen Zeit. Am Ende leben die Menschen wieder in den Tag hinein und haben wieder Zeit für ihre Laster und für ihre Freunde und ihren Zeitvertreib und für die Liebe. Eine wunderbare Geschichte für Alt und Jung, wenn dem Erzähler nicht ein schrecklicher metaphorischer Fehler passiert wäre. Die grauen Herren rauchen nämlich Zigarren, fast macht sie das am Anfang sympathisch, denn sie rauchen diese Zigarren in allen Lebenslagen, im Auto, im Frisörsalon und auch im gemütlichen Weinlokal an der Ecke. Allerdings betreten sie diese Orte nur, um Zeit zu stehlen. Und sie rauchen diese Zigarren, die aus den Blättern der Stundenblumen sind, immer und duchgängig, weil sie abhängig von ihnen sind, ja, sie lösen sich auf, wenn sie keine Zigarren mehr haben.
Man kennt diese grauen Herren auch im wirklichen Leben, abseits der Fiktion des grossartigen Michael Ende, dem Schöpfer von Momo, Jim Knopf und der wilden 13 und der Unendlichen Geschichte. Sie verfolgen uns und dokumentieren unsere Versorgungslücken und machen uns so viel Angst, dass wir sogar versuchen, unser Leben zu versichern. Unsere grauen Herren rauchen meistens keine Zigarren mehr, denn äusserlich sind sie political correct und würden uns, ihre treuen Kunden, nie mit so etwas Ungesundem wie Tabakrauch konterminieren. Innerlich sind sie aber genauso verdorben und hecheln dem Geld hinterher wie die grauen Herren der Zeit. Zwischen offenen und geschlossenen Fonds, zwischen Festgeld und Kapitallebensversicherung ist kein Platz für etwas Entspannung und Genuss. Denn Lebensqualität ist gut gegen Angst und eine gute Zigarre ist Lebensqualität. Gute Zigarren stinken nicht, sie duften, sie sind nicht grau, sondern es gibt sie in tausend schönen Braunfärbungen zwischen hellem Colorado Claro und dunklem Maduro oder Oscuro. Echte Premium Longfillerzigarren machen nicht süchtig und sie werden nicht aus gefrorenen Blüten schöner Blumen gerollt, sondern aus sorgsam fermentierten Blättern der Tabakpflanze. Vor allem aber sind sie nicht Symbol für verlorene, geraubte Zeit, sondern für gewonnene Momente und gut genutzte Zeit, Zeit für Ruhe und Besinnung, Musse und Genuss. Die Menschen in Momos kleinem Örtchen haben sicher wieder begonnen, Zigarren zu rauchen, als die grauen Herren verschwunden waren.
Das kann eigentlich nicht ihr Ernst gewesen sein, lieber, leider schon verstorbener Michael Ende. Jemand, der so viele schöne Geschichten ersonnen und so viele Wahrheiten in noch schönere Bilder verpackt hat, kann doch nicht einen solchen Lapsus begehen ... sollte man denken. In Ihren Geschichten spielen Spiegel und Blumen, Glücksdrachen und Märchenfiguren, Kinder und Tiere so perfekt besetzte Rollen, dass schwer verständlich ist, dass Sie – früher passionierter Pfeifenraucher – nicht einfach den Zigarren im Roman Momo eine andere Funktion im Geschehen geben hätten können. Warum rauchte nicht Benno Strassenkehrer, der uns lehrt, dass man immer nur an den Pflasterstein vor sich und nie an die ganze Strasse denken soll, ... Schritt, Atemzug, Besenstrich ... Schritt, Atemzug, Besenstrich ... eine Feierabendzigarre im Amphitheater? Warum lassen Sie nicht Meister Hora eine Zigarre rauchen, um die Zeit langsamer laufen zu lassen, damit Momo den grauen Männern entkommen kann? Wir werden es nicht erfahren, leider, denn heute lernen Kinder, dass böse Menschen mit schlechter Hautfarbe und schlechten Gedanken Zigarren rauchen, und sie fragen uns, warum wir es auch tun. Wenn dieser Unsinn sogar in den schönsten Kinderbüchern verbreitet wird, müssen wir ihnen antworten, dass hier ein wunderbarer Geschichtenerzähler ausnahmsweise mal Quatsch gemacht hat ... Einem Autor wie Ihnen kann man nicht böse sein, Ihre Bücher haben mich als Kind und als Erwachsenen verzaubert, ich war in Radost Bokel verliebt und wollte sein wie Atréju. Das mit den Zigarren haben Sie verbockt, aber einer, der ebenso unvergessen ist wie Sie es hoffentlich werden, hat gesagt: «Die Irrtümer des Menschen machen ihn eigentlich liebenswürdig.» Vielen Dank für 1000 schöne Stunden!
Ausgabe 3/2011
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