PJ Harveys Mitgefühl
Es gibt viele Alben von grossartigem Handwerk, bei denen jeder Ton, jedes Wort sitzt und die Arrangements perfekt geschneidert sind. Dennoch verdienen nur ganz wenige das Prädikat «Meisterwerk». Bei PJ Harveys «Let England Shake» besteht schon nach dem ersten Hören kein Zweifel. Warum?
PJ Harvey, 41, ist eine überaus introvertierte Musikerin. Regelmässig verkriecht sie sich über Monate in ihrem Zuhause, eine abgeschiedene Ecke im Süden Englands. Ihr Leben, so ein englischer Musikjournalist, bleibe stets ein «Terra Incognita» – für eine mehrfach ausgezeichnete Hitparadenstürmerin, die schon mal mit Nick Cave zusammen war, eine Meisterleistung an sich. In Interviews, so der Journalist weiter, antworte sie, wie sie Tee einschenke: «Elegant, präzise und ohne einen Tropfen zu verschütten.»
Ein erster Hinweis: Bei Harvey steht die Musik im Zentrum, nicht die Person, obschon nur diese Person und nur zum jeweiligen Zeitpunkt diese meisterhaften Songs schreiben kann. Die zeitliche Unmittelbarkeit und die Vermittlung durch eine Künstlerin, die keine Celebrity ist.
PJ Harvey ist eine, die mitfühlt, distanzlos. Sie wird wütend über Dinge, die sie täglich hören muss, schreit den Radio oder den Fernseher an. Es wird ihr schlecht und kann die Tränen kaum zurückhalten. Was sie in ihren Worten und ihrer Musik ausdrückt, ist echt und sie erreicht damit die Gefühle ihrer Zuhörer ohne Tricks.
«Let England Shake» umweht eine altertümliche Aura – kein Wunder, sie verwendet antike Instrumente und in den Lyrics ist die Rede von «grauer, feuchter Schmutzigkeit von Epochen und abgenutzten Büchern», von «Nebel, der über die Friedhöfe und tote Kapitäne rollt». Die ursprüngliche Inspiration waren die Kriege in Afghanistan und Irak, doch die 12 Lieder voller beissender Kritik und herzzerreissendem Verlust wandeln durch Jahrhunderte, über Kontinente, folgt dem blutigen Band, das alle Kriege zusammenknüpft.
Im März 2011 stand das düstere Werk schliesslich in den Regalen neben Britney Spears’ und Jennifer Lopez’ Produkten. Die einzige Reaktion auf die Produkte war deren Kauf, die Reaktionen auf das Werk hingegen waren überwältigend. Leute aus allen Gesellschaftsschichten bezeugten, wie sehr «Let England Shake» sie berührt hatte. Sie waren geradezu hungrig nach dieser Art von Arbeit. Rund um den Globus erreichte das Album die Menschen und eroberte nicht nur in Harveys Heimat, sondern von Australien, Kanada, Dänemark, Frankreich und auch in der Schweiz Spitzenplätze in den Hitparaden.
Es ist ein Album über Krieg und den Schaden und Schmerz, den er verursacht, in Ländern und bei Menschen – das aber niemandem sagt, was er oder sie denken soll. Ein Album, das keine einfachen Botschaften schickt, sondern verschiedene Stimmen vereint, von Toten, Lebenden, Trauernden und Triumphierenden. Die Vieldeutigkeit erlaubt den Hörern, eigene Verknüpfungen und Deutungen herzustellen. Das ist hohe Kunst.
Zurück bleibt ein Gefühl der süssen Tränen und der bitteren Hoffnung. Und der Eindruck einer Künstlerin auf der Höhe ihres Schaffens. Sie sagte einmal, ihre grösste Angst sei, dass sie sich wiederhole. Es ist diese Angst, der den Willen befeuert, sich immer wieder kompromisslos herauszufordern. Und so, nur so, können Meisterwerke entstehen.
Ausgabe 3/2011
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