Vom Nachtwächter zur Privatarmee

Vom Schützen und Geschützt-Werden. Von den Anfängen bis zum Status quo, der Bewachten, der Wächter und deren Hintergründe. Ein Überblick über ein grosses Geschäft.

David Höner

Was wir früher nur von der Leinwand kannten, gehört heute zum Strassenbild.

Leider, so stellte es sich im Laufe der Geschichte heraus, ist des Menschen Wolf dieser selbst. Während man sich vor den Gefahren aus der Natur mit Hilfe eines wachen Geistes und eines starken Glaubens mehr oder weniger schützen konnte, mussten gegen den Mitmenschen andere Saiten aufgezogen werden. In grauer Vorzeit waren es die Jäger und Krieger, die ihren Stamm, später Ritter, die ihre Fürstentümer schützten. Mit den aufkommenden, grösseren Gemeinschaften veränderten sich die Umstände. Staatliche Verwaltungen, ganz egal, ob in monarchistischen oder demokratischen Systemen, organisierten den Schutz der Dörfer und Städte. Es waren nicht selten altgediente Soldaten, die mit der Hellebarde um die Häuser zogen, den ehrenwerten Beruf des Nachtwächters ausübten.

Der Beamtenstand wurde weiterentwickelt. Sie, die Angestellten des Staates, verwalteten die Öffentlichkeit. Sie hüteten unter anderen Dingen auch das der Regierung zugestandene Gewaltmonopol, welches sich aufteilte zwischen dem Militär, welches die Grenzen verteidigte, und der Polizei, die für Ruhe und Ordnung zuständig war. Die beamtete Polizei hatte weitere Pflichten. Man konnte sie zu Hilfe rufen, sie verfolgte Straftäter, sie regelte den Verkehr und achtete darauf, dass die angeordneten Massnahmen und Gesetze zum Wohl und zum Schutz des Bürgers eingehalten wurden. Und sie erhielt ihre Mittel aus der Staatskasse. So weit das Modell, welches hauptsächlich für die Sicherheit eines Staates zuständig war.

Mit zunehmender Privatisierung der Aufgaben des Staates wurden in den letzten Jahrzehnten vermehrt gewinnorientierte Institutionen mit diesen Verpflichtungen betreut. Im Klartext: Sicherheitsfirmen übernehmen in zunehmendem Masse Aufträge, die noch bis vor kurzem klar abgegrenzt waren von individuellen Zuständigkeiten. Unternehmen bieten in einem traditionell staatlichen Bereich ihre Dienstleistungen an. Grenzüberschreitend und für das Geld der Steuerzahler. Es ist interessant, sich die Wurzeln dieser Anbieter anzuschauen.

Der legendäre Vater der Detektive
Wir schreiben das Jahr 1832. In Paris gründet Eugène François Vidocq das erste private Sicherheitsbüro der Welt. Wer war nun dieser Vidocq? Sicher nicht der Mann, den sich die bürgerliche Familie der viktorianischen Epoche als Schwiegersohn für die wohlbehütete Tochter gewünscht hätte. Er war nämlich ein Tunichtgut ersten Ranges, ein Schläger und Duellant, ein Betrüger, ein Deserteur, ein Fälscher und ein notorischer Verführer. Er raufte sich durch die Französische Revolution, durch die Napoleonischen Kriege, sass in Gefängnissen, wurde als Sträfling ins Bagno verschickt und zeichnete sich doch immer wieder aus, als wilder Überlebenskünstler, als schlauer Ausbrecher und durchtriebener Intrigant.

Dann, er war knappe 35 Jahre alt, kam die Wende. Vom Saulus zum Paulus. Er bietet der Polizei seine Dienste an und wird als Spitzel in das Pariser Stadtgefängnis eingeschleust.  Vidocq machte seine Sache gut. Er lieferte alte Gefährten ans Messer und wird schliesslich von den Behörden beauftragt, eine geheime Polizeitruppe aufzustellen. Die legendäre «Brigade de la Sûreté» war geboren. Die meisten Mitarbeiter waren ehemalige Berufsverbrecher. 1811 bis 1832 leitete er diese Organisation, die erst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts umbenannt wurde. Heute heisst sie Police Nationale. Die Sûreté gilt als die erste kriminalpolizeiliche Organisation der Welt. Vidocqs Leistung bestand nicht nur darin, dass er sich mit grossem persönlichem Einsatz der Verbrechensbekämpfung widmete. Er war auch ungeheuer innovativ. Er war es, der wissenschaftliche Vorgehensweisen einsetzte, mit Fingerabdrücken experimentierte, ballistische Untersuchungen durchführte, kurz der forensischen Kriminalistik, die es damals noch nicht gab, den Weg bereitete.

Was Vidocq machte, machte er gut. Doch vor allem für sich selbst. Ihn trieben keine humanistischen Ideen oder gar fantastische Weltverbesserungstheorien. Seine Haltung der Gesellschaft gegenüber kann man ohne grosse Übertreibung als asozial bezeichnen. Loyalität war für ihn eine käufliche Eigenschaft.

Er nahm freiwillig seinen Abschied mit 52 Jahren. Und gründete sein privates Büro. Fortan arbeitete er für den Meistbietenden, spionierte für das Kriegsministerium, lieferte unbotmässige Töchter gegen deren Willen in Klöstern ab und lieferte der offiziellen Polizei einen endlosen Kleinkrieg. 1842 wurde er verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er legte Berufung ein, Freispruch!

Der 67-jährige zog sich allmählich aus dem Geschäft zurück. Ihm blieben noch 15 Jahre. Dreimal verheiratet, überlebte er alle seine Frauen und hinterliess keine Kinder. Als er mit 82 Jahren starb, hatte er sein ganzes Vermögen verspekuliert.
«Für Vidocq haben Eruptionen, unter denen Europa Landesgrenzen änderte, nur Existenz, soweit sie ihm zu Fressen und Frauen verhelfen.»
Ludwig Rubiner im Vorwort zu seiner Übersetzung von Vidocqs Memoiren Landstreicherleben, S. 7

In diesem Sinn und Geist
1843 gründeten die Gebrüder Pinkerton in Chicago die Pinkerton & Co. Die Angestellten der «Pinkerton’s National Detective Agency» waren keineswegs zimperlich. In den Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges machten sie gute Umsätze. Sie bauten den militärischen Geheimdienst der Truppen des Nordens auf. Später liessen sie sich von Fabrikbesitzern als Streikbrecher einsetzen, infiltrierten Gewerkschaften, begleiteten Geldtransporte und bewachten Unternehmen aller Art.

Die Unternehmensstruktur und Politik der Pinkertons ist das Vorbild der später in zahlreichen Ländern entstehenden Firmen, welche sich mit dem Geschäftsbereich Sicherheit befassten. In Deutschland wurde 1902 die bekannte Münchner Wach- und Schliessgesellschaft gegründet, in der Schweiz 1907 die Securitas AG. Andere folgten. Fusionen, Übernahmen, Namensänderungen und Aufspaltungen in einzelne, autonom operierende Aufgabenbereiche machen es nicht einfach, sich ein genaues Bild zu verschaffen über das «Who’s who in Security Business».

Die schwedische Securitas AB, zum Beispiel, ist ein Sicherheitskonzern. Hauptsitz in Stockholm. In 40 Ländern hat das Unternehmen 260 000 Mitarbeiter unter Vertrag. Als Jahresumsatz 2009 werden 6,2 Milliarden Euro angegeben. Doch aufgepasst; in der Schweiz läuft Securitas nicht unter diesem Namen, den gab es ja bereits, sondern heisst Protectas. Die deutsche Securitas fusionierte 2008 mit der im Gewerbe ebenfalls weltweit tätigen G4S. Nach einigen Quellen ist Securitas in Stockholm der weltweit grösste Anbieter.

Doch, Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Grösste im ganzen Land? G4S plc, ehemals Group 4 Securicor plc, gibt als Gründungsjahr das Jahr 1901 an. Seinen Anfang nahm das kleine Nachtwächterunternehmen in Dänemark. Fast eine halbe Million Mitarbeiter, präsent in 100 Ländern. Bereits 2006 über acht Milliarden US-Dollar Umsatz. Hauptsitz in London. Unter anderem betreibt G4s plc auch Gefängnisse. Nach dem Tod eines Abschiebungshäftlings im Oktober 2010, kündigte das britische Innenministerium das Arbeitsverhältnis mit G4s plc.

Die beiden Globalplayer Securitas und G4S plc stehen in einem undurchsichtigen, gegenseitigen Verhältnis zueinander. Schon allein die unter verschiedenen Namen operierenden Firmen in den verschiedenen Ländern lassen sich nur unter grösster Mühe und aufwendigen Recherchen den jeweiligen Unternehmen zuordnen. Unter dem Schutz ihrer Auftraggeber, die oft in den höchsten Kreisen von Wirtschaft und Politik zu suchen sind, und unter den verschiedenen gesetzlichen Vorschriften, die von Land zu Land wieder anders geregelt werden, lassen sich Ross und Reiter nicht genau definieren. Es ist schwierig, Verantwortliche zu benennen. International tätig, schaffen sich diese privaten Dienste, hinter einer perfekten Nebelwand, ihre eigenen Regeln.

Doch nicht nur von den Grossen soll die Rede sein. Es zeigt sich, dass das Geschäft mit der Angst blüht. Eine unübersehbare Zahl von Anbietern, angefangen mit dem kleinen Privatdetektivbüro à la Sam Spade an der Ecke, bis zu  mittelständischen Firmen,  beschickt den Markt mit Body Guards, Geldtransportfahrern, Nachtwächtern, Alarmtechnikern, Interventionsgruppen, Gebäudeschutzspezialisten, Risikoanalytikern und Videoüberwachern. Ausbildungslehrgänge werden angeboten, Werkschutztruppen aufgebaut, Bahnhöfe und Industrieareale gesichert. Ob Museumswächter, oder die privat geführte Strafanstalt, kein lukrativer Auftrag wird ausgeschlagen. Transportiert werden Diamanten oder Gefangene. Sei es das Rockkonzert oder der Marathonlauf, bei Veranstaltungen organisieren die Sicherheitsspezialisten die Sicherheitsdispositive, kontrollieren die Eintrittskarten und führen bei Aktionärsversammlungen schon mal einen Unruhestifter diskret aus dem Saal. Varianten vom Mann mit dem Schlüsselbund, dem Walkie-Talkie und der Taschenlampe bis zu dem bis an die Zähne bewaffneten Kommando stehen auf Abruf bereit.

Traumberuf Bodyguard
Es gibt, bei der Vielzahl der Aufgaben die sich einem Sicherheitsdienstleister anbieten, auch keine geregelte Ausbildung. Natürlich werden die Mitarbeiter aus dem Angebot des Arbeitsmarktes rekrutiert, und natürlich nimmt ein solcher Dienst mit Handkuss ehemalige Polizeibeamte oder Militärs auf seine Lohnliste. Einfachere Aufgaben, wie der nächtliche Rundgang in einer Schreinerei oder die Parkplatzkontrolle eines Einkaufszentrums, können von temporären Mitarbeitern, etwa Studenten, bewältigt werden. Das genügt aber keineswegs, der Bedarf ist grösser als das Angebot. So kommt es, dass ehemalige Fremdenlegionäre und selbsternannte Spezialisten ihre Kenntnisse an Interessierte vermitteln. Der Berufswunsch Body Guard zum Beispiel lässt sich über verschiedene Lehrgänge angehen. In Potsdam betreibt Horst Pomplun Deutschlands erste private Sicherheitsakademie, VTP-Security. Die Ausbildung dauert 1200 Stunden, verteilt auf sechs Monate. Die Kosten liegen bei 6500 Euro. Horst Pomplun ist Präsident des Weltverbands der Personenschützer. Seine Risikoanalyse: «Unruheherde auf der ganzen Welt, die steigende Terrorismusgefahr, aber auch die wachsenden Klassenunterschiede stellen ein grosses Gefahrenpotenzial dar.» (Quelle: Top Magazin Brandenburg, 2008). Wer sich über die Vielfalt und die Hintergründe der privaten Sicherheitsindustrie auf dem Niveau KMU informieren möchte, dem sei diese Web Page empfohlen. www.ipsta.eu

Die Zukunft ist gross
Eine ganze Gruppe von Anbietern werden in diesem Text nicht erwähnt. Diejenigen Sicherheitsdienste, die ihre Fachkenntnisse als militärische Dienstleister anbieten. Hier geht es um viel Geld und Macht. Doch die Mechanismen sind ähnlich. Auch hier sind die Hintergründe oft verschleiert. Die Entstehungsgeschichten sind widersprüchlich, die Finanzierung nicht öffentlich einsehbar und die Verantwortlichen im Geflecht von Wirtschaft und Politik versteckt. Die Operationen dieser Spezialisten finden in einem rechtsfreien Raum statt. Ein Beispiel soll genügen: Die Angestellten der US-Firma «Blackwater worldwide», die 2007 in einer einzigen Schiesserei in Bagdad 17 unbewaffnete Zivilisten töteten, kamen nie vor Gericht. Blackwater worldwide wurde umbenannt in «Xe Services» und geht weiterhin erfolgreich seiner Tätigkeit nach.

Ausgabe 3/2011

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