Das Kulturgut Rauchen verkauft sich prima.

Dreiunddreissigmal Inter-tabac, dreiunddreissigmal haben sich die Tabak- geniesser an der jährlichen Fachmesse für Tabakwaren und Raucherbedarf getroffen. Und nicht nur die Schnapszahl gibt es zu feiern.

David Höner

Erstaunliches hört man aus Dortmund. Dort präsentiert sich die Tabakbranche mit dem besten Ergebnis aller Zeiten. Mehr als 300 Aussteller aus 40 Nationen. Standflächen um 6 Prozent erweitert. Fast 8000 Besucher sind gekommen, und da die Messe vor allem dem Fachhandel offensteht, ist davon auszugehen, dass diese 8000 Besucher Multiplikatoren sind, die Konsum, Handel und Umgang mit Tabak weiter verbreiten. Getragen wird die Messe vom Handelsverband Nordrhein-Westfalen, Fachbereich Tabak. Sie sprengt jedoch längst regionale und nationale Grenzen.

Die Inter-tabac ist zur unbestritten grössten Tabakmesse der Welt heran‑gewachsen. So wundert es nicht, dass 29 Prozent der Besucher extra aus dem Ausland nach Dortmund anreisten, um sich mit den neuesten Entwicklungen vertraut zu machen. «Vom 23. bis 25. September ist Dortmund wieder der Nabel der Tabakwelt», verkündet denn auch der Vorstand des veranstaltenden Verbandes in seiner Begrüssungsbotschaft. Und Sabine Loos, die Geschäftsführerin der Messehallen, freut sich darüber, dass ein erfolgreiches Messekonzept bereits nächstes Jahr nach Asien exportiert werden kann: Die Tochtermesse, Inter-tabac ASIA, findet nächstes Jahr auf den Philippinen
statt.

Die grosse Familie
Landauf und landab werden immer schärfere Gesetze erlassen, die uns davor schützen, mit Rauch in Berührung
zu kommen. Ob aktiv oder passiv spielt mittlerweile kaum mehr eine Rolle, rauchen ist nicht mehr gesellschaftsfähig. Gerade darum steigt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Raucher spürbar.

Trotz internationalem Flair und geschäftigem Treiben ist der Grundtenor von «We are family» durchs Band zu spüren. Alle, die hier zwischen den bunten und mehr oder weniger durchgestylten Messeständen herumspazieren, sind Raucher. Und dürfen es auch sein. Da stört kein Verbotsschild, keine hochgezogene Augenbraue oder gar
eine gerümpfte Nase. Hier ist Raucherland. Aromatischer Zigarrenrauch und leichter Zigarettendunst vermischen sich, ein feiner Nebel liegt über allem. Einen typischen Besucher könnte man trotzdem nicht definieren, Jung und Alt begegnet sich hier, schnuppert in die Luft, flaniert, begrüsst Bekannte, trifft sich mit Geschäftspartnern und vor allem ist eine gemeinschaftliche Aktivität nicht zu übersehen. Man raucht. Man raucht, während man in der Messelounge einen Kaffee trinkt, während man die Instrumente zum Zigarrenschneiden, Bohren oder Knipsen begutachtet, derweil man plaudert oder während man sich einen Vortrag anhört.

Das Thema des Inter-tabac-Talks, zu dem diverse Vertreter der Verbände Stellung nehmen konnten, stand unter dem Motto der Frage: «Dürfen wir nicht mehr selbst entscheiden?» Im Vordergrund standen dabei die von der Europäischen Union verlangte Einheitspackung, befürchtete Werbeverbote und ganz allgemein die weitere Ausbreitung von Antirauchergesetzen und damit weitere Einschränkungen der Raucherzonen.

Doch nicht jetzt und nicht an diesen drei Tagen. Der erste Messetag schliesst ab mit der grossen Party. Da sitzt man zu Beginn noch brav am Tisch, doch schon kurz nach dem Essen beginnt das Flanieren um die Tische, man begrüsst sich, da  ...  hallo, wer dort  ...  und wie geht’s  ...  schon lange nicht mehr gesehen. Natürlich raucht man dabei, prostet sich zu, schüttelt Hände und auch geküsst wird. Später getanzt.

Ein bisschen unglücklich geriet die grosse Preisverteilung. Irgendwie wurden zu schnell zu viele Preise vergeben, die Moderation fand nicht den Weg zu den Zuhörern, die bereits in eigene Gespräche vertieft an ihren Tischen beschäftigt waren. Nicht dass es einen nicht interessiert hätte, wer nun warum die Länder- und Prouduktepreise abholt, doch auch mit viel gutem Willen blieb die Preisverteilung eher flach. So wurden zwar viele «Stars» vergeben und auch die Cigar Trophy fand einen Gewinner, doch dem Publikum konnte keine Aufmerksamkeit abgewonnen werden. Schade. Besser machen. Ähnlich erging es den Komödianten, sie gingen unter in der Familienfeier der Branche.

Geschäfte
Trotz der unübersehbaren Präsenz der Zigarettenindustrie ist die wahre Königin der Inter-tabac nach wie vor die
Zigarre. Was Rang und Namen hat in diesem Bereich, ist in Dortmund anzutreffen. Es dürfte schwierig sein, eine auf dem internationalen Markt erhält­liche Zigarre an der Inter-tabac nicht zu finden.

Interessant sind die vielen kleinen und mittleren Produzenten aus aller Welt, die ihre Marktanteile stetig erweitern können und genauso auf dem internationalen Parkett tanzen wie die «Grossen». Auch hier ist es bemerkenswert, wie sich die Akteure der Branche gegenseitig besuchen und austauschen.

Doch es geht darum, Geschäfte zu tätigen. «Die Inter-tabac ist das absolute Highlight», so oder ähnlich formulieren es Hersteller, Importeure und Exporteure, Gross- und Einzelhändler. Das Verknüpfen von Anbietern und Händlern und das Stricken an internationalen Netzwerken ist denn auch die klar gestellte, und gelöste, Aufgabe der Messe. Verwirrend sind für den Nichteingeweihten die hintergründigen Verbindungen. Fusionen und Veränderungen auf dem internationalen Markt. Die Branchenleader stehen in komplizierten Verbindungen zueinander, mal macht es hü, mal hot, doch vorwärts geht es allemal. Die Auftragsbücher füllten sich. Die Inter-tabac in Manila, die vom 15. bis 17. März durchgeführt wird, ist, laut Projektleiterin Angelika Bauer, bereits gut gebucht. Mit anderen Worten: Die Netzwerke sind auf weltweiter Basis geknüpft. Von einer Stagnation kann keine Rede sein. Die Tabakbranche schnuppert trotz aller Widrigkeiten Morgenluft.

Der Vorsitzende des Deutschen Rauchwarenverbandes, Patrick Engels, informierte die Presse über die Umsatzzahlen des ersten halben Jahres 2011. 11,65 Milliarden Euro, ein Plus von 600 Millionen gegenüber dem Vorjahr. Und an der Inter-tabac? Der Umsatz pro Kopf steigerte sich um sagenhafte 66 Prozent. Die Aussteller setzten an der Messe rund 115 Millionen Euro um. «In Bezug auf Kontakte war die Inter-tabac ein absoluter Wahnsinn.» Das ist die Aussage des Geschäftsführers von Arnold André. A. A. hat seit kurzem das Davidoff-Portfolio in Deutschland übernommen als Nachfolger der Firma Heinemann. «Wir hatten Kunden aus
40 verschiedenen Nationen, dazu etwa 300 bis 400 deutsche Fachhändler.

Natürlich wird der heimische Markt hart umkämpft, doch für uns Konsumenten sind die goldenen Zeiten noch längst nicht vorbei. Die Angebotspalette ist auf allerhöchstem Niveau.
Freude herrscht.

Nichtrauch
Eigenartig muten die Bemühungen an, zu rauchen, ohne zu rauchen. Seien es nun die elektronischen Zigaretten, zu lang, zu glänzend, oder die graubraunen, weder in haptischer noch optischer, noch olfaktorischer Hinsicht an eine echte Zigarre erinnernden Rauchbolzen aus Metall, welche Zigarren darstellen sollen, bis hin zu gar seltsamen «Dampfsteinen», die mittels einer echten Kohle auf die Wasserpfeife gesetzt ohne «Verbrennungs- oder Verschwelungseffekt» das Wasserpfeifenpaffen in Nichtraucherschutzgesetz-geschützten Räumen erlauben sollen. Bereits in 25 Ländern sollen dies Dampfsteine dampfen.

Nicht ganz verständlich waren auch die beiden jungen Frauen, die ausser Farbe nichts am Körper trugen und die Messehallen im Namen eines Kugelschreiber- und Feuerzeugherstellers durchwanderten. Immerhin besonders genug, um hier erwähnt zu sein.

Rund um die Rauchwaren gibt es zahlreiche Accessoires, die den Raucher begleiten sollen. Nebst Feuerzeugen in allen möglichen Ausgaben und Preisklassen – und in steigendem Masse Zigarettenpapierherstellern – gibt es auch einige Spirituosenhersteller, welche an der Messe ihre Neuheiten präsentieren. So gibt es einen Rum mit einem Hauch Lakritz zu probieren, einen Geist aus wilden Himbeeren, und mehr als eine edle Mischung von sorgfältig gerösteten Kaffeebohnen ist zum passenden Rauch im Angebot.

Auffällig ist auch die wachsende Zahl von Anbietern von Humidoren. Offenbar besteht ein Bedarf an technisch
ausgereiften und optisch ansprechenden Behältern, um Zigarren fachgerecht zu lagern. Diese zum Teil sehr künstlerisch gestalteten Kisten mit Intarsien aus seltenen Hölzern und in allen denkbaren Formen verfügbar, haben sich Messeplatz erobert und erfreuen das Auge.

Fazit: ganz einfach. Die Inter-tabac ist eine lebendige Messe rund um das Rauchen und für die Fachwelt ein wertvoller Treffpunkt. Wir freuen uns wieder auf Dortmund im nächsten Herbst.

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