Interview mit Ruth Schweikert und Pascal Schmutz: Die zweite Welt
Wir befragten die Schriftstellerin und den Koch zu ihrem Verhältnis zur Inspiration und ob das, was gemeinhin als die Bedingung für Kreativität gilt, für sie auch wirklich ein Geschenk ist und wie sie es, wenn sie es denn erhalten, in ihre Arbeit integrieren.
Ruth Schweikert ist Schriftstellerin, lebt mit ihren fünf Söhnen und ihrem Ehemann in Zürich. Mit ihrem ersten Erzählband «Erdnüsse. Totschlagen» (1994), wurde
sie schlagartig bekannt und erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen. In der Folge schrieb sie mehrere Romane und Theaterstücke. Ruth Schweikert ist eine der wichtigen Stimmen in der heutigen Schweizer Literatur.
Pascal Schmutz ist Koch und wurde im Jahre 2011 zur Entdeckung des Jahres gekürt. Erst 27 Jahre alt, war er
der jüngste jemals amtierende Küchenchef und führte erfolgreich die Restaurants im Hotel Vitznauerhof in Vitznau am Vierwaldstättersee.
Das Verb «schenken» bedeutete ursprünglich «zu trinken geben», später hiess es dann «unentgeltlich ausschenken» und «unentgeltlich geben». Dass das Wort auch auf die Attribute «schief» und «lahm» zurückgeht, lässt abenteuerliche Interpretationen zu. Etwas Schiefes und Lahmes zu bekommen, ohne etwas dafür geben zu müssen, hiesse also, ein Geschenk entgegenzunehmen. Man könnte auch sagen «einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul», was heisst, man bekommt, was man bekommt, was aber vielleicht nicht ist, was man gerne bekommen hätte, noch weniger, was wirklich einen Wert besitzt. Was aber für kreativ tätige Menschen einen Wert besitzt, ist die Inspiration. Das Wort «Inspiration» bedeutete früher «das Einhauchen» oder «die Erleuchtung» und befindet sich damit in seinem Ursprung durchaus in Nähe dessen, was man sich allgemein darunter vorstellt.
Cigar: Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie eine Inspiration bekommen haben?
Pascal Schmutz: Eines Tages sah ich auf der Strasse ein überfahrenes Reh. Und da kam ich auf die Idee, dieses Bild auf den Teller zu bringen. Das hört sich merkwürdig an, denn so ein überfahrenes Reh sieht schrecklich aus. Der Bauch war aufgerissen und die Gedärme quollen heraus. Ich überlegte mir dann, welche Lebensmittel sind rot und was gehört alles zum Reh. Das ergab ein tolles Gericht: Blutwurst vom Schwein, gebrochene Randen mit Vinaigrette, Cranberries, Rotkraut, Granatapfel und Martini-Rosso-Gelee – alles auf einem Teller. Das Gelee schnitt ich in lange Streifen in Erinnerung an die Gedärme des toten Tieres. Und ich fragte mich: Geht ein Reh mit einer Kirsche ins Bett? Ja, Reh mit Kirsche im Wald. Apropos Wald: Ich kenne einen Käser, der stellt Käse in Baumrinde her. Angesichts dieses Käses überlegte ich mir: Was kommt alles aus dem Wald? Was gibt es am Waldrand? Was ist alles von grüner Farbe? Indem ich mir Fragen stelle, komme ich auf neue Ideen. Ich erlebe solche Momente der Inspiration aber auch im Alltag, wenn ich durch die Stadt gehe. Plötzlich erreicht mich ein Geruch oder ich sehe eine Farbe und beginne zu denken.
Wie entsteht aus der Inspiration eine konkrete Idee?
Schmutz: Da ich in meiner Arbeit freie Hand habe, kann ich damit experimentieren. So benenne ich auch immer wieder die Menüs nach diesen auslösenden Momenten: «Waldchäs» oder «Überfahrenes Reh». Ich bin neugierig, wie die Leute auf solche Namen reagieren und auf den Umstand, dass es auf einem Teller beispielsweise nur eine Farbe gibt. Beim Teller «Überfahrenes Reh» waren die Gäste überrascht, wie viele Geschmäcker man mit nur einer Farbe herbeizaubern kann. Aber man braucht einen sturen Kopf, um solche Ideen durchzusetzen. Und man muss selbstbewusst sein. Und wenn der Chef und die Gäste sie nicht mögen, muss man sie halt wieder von der Karte nehmen. Gelingt es hingegen, die Leute zu überzeugen, kann man weitermachen.
Brauchen Sie bestimmte Bedingungen, um die Inspiration wahrnehmen zu können?
Schmutz: Es gibt immer wieder solche Situationen. Das kann ganz unerwartet geschehen. Als ich mit dem Bike unterwegs war und stürzte, hatte ich den Mund voller Laub, Erde und Kiesel. Ich musste zehn Minuten gehen, bis ich zum nächsten Brunnen kam, um mir den Mund auszuwaschen. Während des Gehens dachte ich darüber nach, wie ich den Geschmack, den ich gerade auf der Zunge hatte, in die Münder meiner Gäste bringen könnte. Mit Hirsch? Oder Reh? Welches Gemüse passt dazu? Später ging ich durch die Stadt und fragte mich: Passt Oregano dazu? Woher kommt Oregano? Griechenland. Und so entstand ein neues Gericht mit griechischem Salat. Oder ich gehe dem See entlang. Was für Fische gibt es da? Zander. Was gibt es am Seeufer? Rebstöcke. Was passt zu Trauben und Fisch? Und so geht das immer weiter. Das ist ein fliessender Prozess.
Fühlen Sie eine Verpflichtung, die Ideen, die Sie durch Inspiration bekommen haben, in Form von kulinarischen Kreationen an andere weiterzugeben?
Schmutz: Diese Verpflichtung spüre ich nur, wenn ich das, was ich tue, auch wirklich liebe. Es ist aber auch wichtig, dieses Geben und Nehmen in einem Gleichgewicht zu halten. Wolfgang Amadeus Mozart hatte ein grosses Talent, aber er hat viel zu viel gegeben und viel zu wenig dafür bekommen. Er ist völlig ausgebrannt in grosser Armut gestorben. Wenn ich immer nur gebe, ist meine Lebensfreude irgendwann weg. Ich brauche Erlebnisse, um aufzutanken. Gute Gespräche, Lachen, Ruhe, ein gemütliches Zuhause, wo ich für meine Freunde kochen kann. Kartoffelstock und Hackbraten beispielsweise. Oder in den Bergen wandern. Einfach etwas ganz Normales tun.
Was bedeutet es, wenn Gaben nicht gewürdigt und angenommen werden?
Schmutz: Einmal hat ein Gast die Kritik angebracht, meinem Gericht fehle die Seele. Das hat mich sehr getroffen. Ich hatte mit so viel Liebe gekocht, und er sagte: «Es fehlt die Seele.» Alle anderen mochten das Gericht, das aufwändig gekocht war und viele Geschmäcker enthielt. «Zu wenig Salz», befand der Gast. Da verstand ich. Das ist einer gewesen, der oft in Landgasthöfen und Dorfbeizen isst, wo stark gewürzt, viel geraucht und getrunken wird. Er war sich diese extrem leichten Geschmäcker nicht gewohnt. Insofern war seine Kritik aus seiner Perspektive berechtigt. Aber ich hatte nicht fade gekocht. Es braucht also die richtige Umgebung. Und ein Gourmetrestaurant braucht die Kundschaft, die schätzt, wie dort gekocht wird.
Ist Talent für Sie ein Geschenk? Oder anders gefragt – was macht für Sie Talent aus?
Schmutz: Ich denke mir etwas aus. Dann koche ich es dreimal. Wenn die Leute kommen, essen und sich freuen, bin ich jedesmal erstaunt und überrascht. Denn für mich ist es nichts Besonderes. Und es fällt mir schwer, zu erklären, wie ich meine Ideen vollende. Im Wesentlichen geht es um die richtige Mischung von Kreativität und Harmonie. Auf dreihundert kreative Köche kommen gerade mal fünf, die das Gesetz der Harmonie beherrschen. Die wahre Herausforderung ist, das ideale Gleichgewicht der Geschmäcker hinzukriegen. Ich könnte natürlich Erdbeeren mit Trüffel und Entenzunge auf einem Teller arrangieren. Aber eine Ente hat mit Trüffel und Erdbeeren nichts zu tun. Das ergäbe für mich keinen Sinn. Härte und Ehrlichkeit zu sich selber, die Fähigkeit, eine Idee zehnmal auseinanderzunehmen und zu erkennen, ob die Idee gut oder bloss eine Furzidee ist, das sind sicher Zeichen von Talent. Ist etwas zu sauer? Zu süss? Zu bitter? Das zu spüren, kann man nicht lernen. Auch niemandem beibringen. Diese Gabe für das Erspüren von Harmonie ist sicherlich ein Geschenk.
Haben Sie jemals eine Inspiration im Traum bekommen? Oder aus der Kunst?
Schmutz: Ein Menü geträumt? Nein. In meinen Träumen verbrennen die Dinge unter der Oberhitze im Ofen. Ich rieche es und wache auf. Aber daraus ein Gericht zu kreieren, wäre eigentlich cool. Ich befasse mich nicht so oft mit Kunst. Paul Klee hingegen gefällt mir gut. Er malt eine blaue Fläche und mittendrin einen roten Strich und nennt das «Meeresgrund». Diese Emotionalität spricht mich an. Läuft dazu noch klassische Musik, beginne ich ans Kochen zu denken. Ich spüre, ob es dem Künstler schlecht gegangen oder ob er glücklich gewesen ist, und das inspiriert mich. In diesem Zustand kreiere ich die besseren Gerichte. Denn ich will beim Gast Emotionen auslösen. Ich schaue gerne den Leuten beim Essen zu. So kann ich ihre Gefühle beobachten. Finden sie es gut? Sind sie zufrieden? Bei aussergewöhnlichen Menüs höre ich ihre Diskussionen. Das ist wunderschön. Auf diese Art wird meine Arbeit vervollständigt. Denn du kannst jeden glücklich machen.
Cigar: Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie eine Inspiration bekommen haben?
Ruth Schweikert: Ja, ich erinnere mich an eine Situation, die ich in Südafrika erlebt habe. Eine Kollegin aus Belgien telefonierte mit ihrem Vater, der an Demenz erkrankt war und in Brüssel lebte, und er fragte sie über zehntausend Kilometer Distanz hinweg, ob sie wisse, wo er seinen Lottoschein hingelegt habe. Die Absurdität dieser Situation berührte mich. Dieses Erlebnis wurde für mich später zu einer Kernszene in meinem Roman «Ohio». Dazu kam noch, dass während des Telefonats ein Kollege aus Holland danebenstand. Eine meiner Figuren im Roman erhielt seinen Namen. Diese Figur hatte mit meinem Kollegen nichts zu tun, aber sein Name kreierte diese bestimmte Person. Dies alles bildete einen Nukleus, der für die Entwicklung des Romans sehr wichtig war. Eine andere Geschichte ereignete sich vor über dreissig Jahren. Eine Freundin hatte eine Abtreibung vornehmen lassen und bewahrte daraufhin den Embryo in ihrer Nachttischschublade auf. In meiner ersten Kurzgeschichte wurde daraus ein versteinerter Embryo –das Bild des Embryos in der Nachttischschublade hatte
mich zehn Jahre lang begleitet, bevor daraus eine Geschichte wurde.
Wie entsteht aus der Inspiration eine konkrete Idee?
Schweikert: Interessant ist, wie sich solche Inspirationen weiterentwickeln. Offensichtlich ist man in gewissen Momenten bereit, etwas aufzunehmen, was eine Bedeutung hat, die man aber noch nicht kennt. Etwas berührt, trifft und löst ein Rechercheinteresse aus. Ein Raum geht auf, ein Bild entsteht und ich frage mich: Wo führt es mich hin? Sobald ein Kern existiert und man kontinuierlich dranbleibt, ist es, als gäbe es eine zweite Welt, die man mit sich herumträgt. Und alles, was einem begegnet, was man hört, sieht und liest, korrespondiert mit dieser zweiten Welt und lässt einen Dinge aufnehmen, die man sonst übersehen würde. Ein solcher Kern interessiert mich aber nur, wenn er hartnäckig genug ist, um von mir eine emotionale Beteiligung zu fordern. Es ist dieser Haken im Fleisch, der zieht und auch ein wenig weh tut.
Brauchen Sie bestimmte Bedingungen, um die Inspiration wahrnehmen zu können?
Schweikert: Eine Bedingung ist sicher freie Zeit. Momente, in denen man anwesend ist, aber nicht unbedingt mit etwas Konkretem beschäftigt. Wenn aber diese zweite Welt bereits vorhanden ist, dann sind die Bedingungen grundsätzlich gegeben. Muss ich beispielsweise in einem meiner Romane eine Wohnung einrichten, schau ich mir nicht alle Wohnungen, die ich betrete, an und denke: Ah, so könnte es sein. Sondern ich beschreibe diese Wohnung, ohne recht zu wissen, woher die Ideen kommen, es ist, als würde alles aktiviert, was in meinem Hirn an Restwissen, Emotionen, Erinnerungen gespeichert ist, als würden Sachen an die Oberfläche befördert, von denen ich glaubte, sie vergessen zu haben. Ich bin immer wieder überrascht, was man mit Sprache alles machen kann. Ein Zimmer besteht aus Gerüchen, Farben, Formen, Grösse, Material, und all das wird durch meine Arbeit Sprache. Es ist aber auch eine zwiespältige Sache. Denn es bleibt ja nicht bei diesem besonderen Moment der Inspiration, sondern er zwingt einen, die Sache zu verfolgen. Das ist harte Arbeit. Verdammt harte Arbeit.
Fühlen Sie eine Verpflichtung, die Ideen, die Sie durch Inspiration bekommen haben, in Form von Literatur an andere weiterzugeben?
Schweikert: Bei meiner Arbeit handelt es sich natürlich auch um einen sozialen Akt. Etwas entsteht, was andere interessieren könnte. Im Moment des Arbeitens muss man grosszügig sein und etwas geben wollen. Man muss sich aber bewusst sein, dass man Lebenszeit investiert, Emotionen, Gedanken, Kraft, um an der Form und der Lautlichkeit zu feilen, energetische Aufladung und Gedächtnis der Wörter – das alles gibt man her. Ich betrachte aber auch meinen Text als ein Gegenüber, mit dem ich mich austausche. Und alles, was ich ihm gebe, gibt er mir zurück. Das ist nicht immer nur schön und angenehm. Grundsätzlich geht alles, was man absondert, erstmal durch einen selbst durch, und das will dann von der Welt gesehen werden. Der Künstler wirft sich selber in die Waagschale.
Es geht um Wahrnehmung. Wie kann eine Gabe gewürdigt und angenommen werden?
Schweikert: Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn. Vor zwei Tagen beschäftigte ich mich mit einem Vortrag über eine Textwerkstatt für psychisch kranke Menschen. Sie treffen sich regelmässig und schreiben. Sie haben ein Wörterbuch erstellt mit Wörtern, die für sie eine Bedeutung haben. Das Reh ist beispielsweise ein scheues Waldtier, Ravioli sind ein feines Essen aus Teigwarentaschen, ein Jaguar ist ein wildes Tier und ein Auto. Diese Menschen machen die Erfahrung, dass sie gewissen Dingen, die ihnen wichtig sind, eine Bedeutung geben können. Indem sie schreiben und es sich vorlesen, geschieht etwas, was über das blosse Reden hinausgeht. Dies ist ein Akt der Selbstermächtigung, schafft ein Verhältnis zur eigenen Geschichte, zur eigenen Freiheit. Denn sie bestimmen, was sie erzählen. Jeder hat etwas zu erzählen, und das muss wahrgenommen werden. Auch ein ganz einfacher Text hat mit Inspiration zu tun und transportiert etwas.
Ist Talent für Sie ein Geschenk? Oder anders gefragt – was macht für Sie Talent aus?
Schweikert: Was heisst das – Talent? Ist es Leichtigkeit? Virtuosität? Eine komplizierte Frage. Es gibt Leute, die haben offensichtlich ein überbordendes Talent. Es gibt aber auch Talent, das nicht aus dem Überfluss, sondern aus einem Mangel entsteht. Grundsätzlich muss es von einer Notwendigkeit genährt werden, mit dem Medium so lange zu arbeiten, bis man diesem gewissen Etwas auf die Spur gekommen ist und dadurch sich selbst und anderen etwas erzählen kann. Jeder Mensch jedoch kann seine Instrumente genauer kennenlernen. Mehr über den Austausch zwischen sich und der Welt erfahren. Auch zu spüren, was für eine ungeheure Macht dieser Vorgang hat. Und da nimmt die Sprache eine besondere Rolle ein. Weil sie abstrakt ist, kann ich mir in meinen Sprachräumen vorstellen, was ich will. Ich bin nicht an materielle Bedingungen gebunden. Und hat man diesen Simulationsraum mal entdeckt, diese zweite oder auch dritte Welt, will man ihn immer wieder finden.
Haben Sie jemals eine Inspiration im Traum bekommen? Oder aus der Kunst?
Schweikert: Mit neun Jahren hatte ich ein prägendes Kunsterlebnis. Ich besuchte die Ausstellung von Emma Kunz im Kunsthaus in Aarau. Mich beeindruckten die starken Formen, die vielen Linien, die verschobenen Figuren, die unendlich vielen Querverbindungen. Es war das erste Mal, dass ich bewusst der Macht der Gestaltung begegnete. Später als ich im Fernsehen eine Ballettaufführung sah, wollte ich Balletttänzerin werden. Es ist diese Liebe zur Form, die damals erwacht ist. Die Vorstellung, später selber etwas in eine Form zu bringen, beglückte mich unbeschreiblich.
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