Geben ist seliger denn Nehmen
Schenken und Beschenkt-Werden gehören zu den schönen Seiten des Lebens. Man freut sich über die Aufmerksamkeiten, die einem entgegengebracht werden. Und es gibt wohl kaum einen Menschen, in dessen Erinnerungen besondere Geschenke nicht eine Rolle spielen. Was steckt dahinter?
Es gibt zahlreiche Gelegenheiten sich zu beschenken. Geburtstage, Namenstage, Taufen, Hochzeiten, Beförderungen und Auszeichnungen werden mit kleinen Geschenken an und von den Mitmenschen besonders hervorgehoben. Der Eintritt ins Erwachsenenleben, die Konfirmation oder die Bar-Mitzwa-Feier sind geschenkwürdig. Ebenso der erste Schultag. Zur Pensionierung gehört(e) die goldene Uhr aus der Hand des Arbeitgebers. Offizielle religiöse Feiertage wie Ostern und Weihnachten im christlichen Kulturkreis gaben und geben Anlass, sich gegenseitig zu beschenken. Unzählbar sind die regionalen und verschiedenen Volksgruppen-zugehörigen Rituale, Feste und Besuche, die in irgendeiner Form nach einem Geschenk verlangen.
In vielen Kulturen finden Austausch und Verträge in Form von Geschenken statt die theoretisch freiwillig sind, in Wirklichkeit jedoch immer gegeben und erwidert werden müssen.
So zahlreich wie diese Gelegenheiten, so zahlreich sind auch die Bezeichnungen für die Dinge, die man weitergibt. Mitbringsel, Gastgeschenk, Angebinde, Morgengabe, Opfergabe und Präsente, Staatsgeschenke, kleine Aufmerksamkeiten, Almosen, Schenkungen und Spenden. Ebenso verbirgt sich hinter jedem Geschenk eine spezi–fische Bedeutung. Inhalt und Form einer Gabe verraten viel über Gedanken und Absichten des Gebers. Geschenke sind nicht einfach Geschenke, auch wenn das Wissen darum in den letzten Jahrzehnten, ja Jahrhunderten in den Hintergrund getreten ist.
Es gibt Geschenke, die Liebe, Zuneigung oder Freundschaft ausdrücken, Präsente, die Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, oder aber einfordern und nach Gegenleistungen fragen. Belohnungen sollen zu speziellen Leistungen motivieren, oder es werden erbrachte Leistungen gewürdigt. Es gibt unterwürfige Gaben, die um Gnade oder Freundschaft betteln; und es gibt anmassende Geschenke, die Macht und Reichtum prahlerisch verkünden. Man spendet für die Armen, um Gutes zu tun oder um sein Gewissen zu beruhigen, die Götter, um Glück oder Gesundheit zu erflehen, die Kunden, um sie an sich zu binden.
Es ist ein Handel, der schon vor der Institution des Händlers und dessen wichtigster Erfindung, der des Geldes im
eigentlichen Sinn, existierte.
Am Beispiel Potlatsch
Einer der wichtigsten gesellschaftlichen Anlässe, die bei den nordamerikanischen Ureinwohnern das kollektive Leben wesentlich mitbestimmte, ist der Potlatsch (auch Potlach).
Ein Fest des Beschenkens und Beschenkt-Werdens. Ihren Anfang nehmen solche Begegnungen verschiedener Familien oder Stämme in einer Einladung. Der Anführer eines Stammes lädt, im Namen aller Mitglieder seiner Gruppe, eine andere Gruppe ein, um sie zu beschenken. Anlass kann die Geburt eines Nachfolgers, die Ernennung eines Häuptlings, aber auch der Tod eines wichtigen oder bekannten Mitgliedes des Stammes sein. Damit einher geht oft die traditionelle Weitergabe der Führerrolle innerhalb des Stammes. Die Besucher werden grossartig empfangen, bewirtet und in streng ritualisierter Reihenfolge beschenkt. Die Gastgeber geben das Beste, was sie haben, ja verausgaben sich unter Umständen völlig. Sie verschwenden ihren Reichtum. Zugleich werden traditionelle Tänze aufgeführt und gemeinsam getanzt, Verbindungen und Freundschaften neu geknüpft und vertieft, Hochzeiten vorbereitet, Erfahrungen und Geschichten ausgetauscht. Die Ahnen sind miteinbezogen. Sie werden als Mitglieder des lebendigen Stammes verehrt. Die Herkunft der im Feste verschenkten Reichtümer verweist unmissverständlich auf ihre Verdienste.
Das Hergeben kennt keine Grenzen. Mühsam im Verlauf eines Sommers erjagte oder hergestellte Sachen werden vernichtet, um zu demonstrieren, wie unabhängig ein Stamm von weltlichen Gütern ist. Man verbrennt Decken, zündet Häuser an, wirft erbeutete Felle ins Wasser.
Ein Potlatsch dauerte oft mehrere Tage, bis zur völligen Erschöpfung der Teilnehmenden und es konnte durchaus passieren, dass die zuletzt abziehenden Besucher einen ausgezehrten und bis auf die letzten Reste verarmten Stamm zurückliessen. Doch je grösser die Bedeutung eines solchen Festes, je legendärer die verteilten Gaben und je rauschender das Fest, desto grösser die Ehre und der Ruhm für die Gastgeber.
Das Prinzip des Teilens
Doch solche Feste kamen nicht aus dem Nichts. Das Prinzip des Teilens war selbstverständlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Wurde eine Jagdbeute gekocht und gebraten, wurde ein gestrandeter Walfisch zerlegt oder die gesammelten Beeren und Früchte verzehrt, lud man immer seine Nachbarn dazu ein. Das war keine uneigennützige, selbstlose Freigiebigkeit, sondern eine Handlung aus dem Bewusstsein heraus, dass verteiltes und verschenktes Eigentum in sich selbst die Garantie enthielt, zurückgegeben zu werden.
Wenn man will, mag man diese Art der Verteilung Austausch oder sogar Handel und Verkauf nennen. Doch es ist eine aristokratische Form des Handels, durchdrungen von Etikette und Grossmut. Wenn er in einer anderen Gesinnung betrieben wird, nämlich im Hinblick auf sofortigen Gewinn, begegnet man ihm mit betonter Verachtung.
Die drei grossen Verpflichtungen
Erstens geht es darum zu geben. Für sich selbst, für seinen Stamm, für die zu verheiratende Tochter oder für den zu empfangenden Schwiegersohn. Reichtum ist der Beweis, dass der Reiche vom Schicksal verwöhnt, von den Göttern begünstigt und von edler Gesinnung ist.
Seinen Reichtum kann er nur dadurch beweisen, dass er ihn ausgibt, verteilt und damit Andere demütigt, sie «in
den Schatten seines Namens» stellt.
Zweitens muss man annehmen. Man kann eine Einladung zum Potlatsch nicht ablehnen. Damit würde man sich quasi fürchten vor der Einladung und der ganze Stamm würde das Gesicht verlieren. Die Konsequenzen sind nicht abzusehen, es kann zu Kriegen führen, Ehre und Gesicht sind verloren, eine Schande. Einzig eine Gegeneinladung ist denkbar, doch im besten Fall eine Art Notnagel.
Eine Einladung wird angenommen, so ist das, und die dargebotenen Geschenke werden mit lauter Stimme gewürdigt, die Speisen und Getränke bis zum letzten Rest vertilgt und gelobt.
«Ehre erweisen», heisst das dazugehörige Stichwort.
Drittens, und hier kommt der wirtschaftlich-soziale Aspekt des Potlatsch endgültig zum Tragen. Die Pflicht, die Einladung zu erwidern.
Normalerweise muss der Potlatsch stets mit Zinsen vergolten werden, wie auch jede andere Gabe. Die Zinssätze liegen im Allgemeinen zwischen dreissig und hundert Prozent im Jahr.
Eine der Begleiterscheinungen dieser Art und Weise, untereinander Güter auszutauschen, ist die Vermeidung einer Anhäufung von Schätzen in der Hand einzelner Personen oder Familien. Die Reichtümer ganzer Landschaften unterliegen einer ständigen Umverteilung. Der Wohlstand eines Stammes oder einer Gruppe besteht aus dessen spirituellem Ruf und der Bedeutung seiner Rituale. Insofern ist die Pflicht, einen Potlatsch zu erwidern, eine soziale Verpflichtung, die der gesamten Gemeinschaft Vorteile bringt.
Das Ende der Schenkgesellschaften
Oberflächlich betrachtet war der Untergang dieser anders gelagerten Wertgesellschaften längst besiegelt.
Wenn damals ein Seefahrer oder Afrikaforscher in unbekannten Gegenden sich der Geschenkpflicht entledigte, indem er wertlosen Tand wie Glasperlen oder billige Süssigkeiten verschenkte, hatte er den tieferen Sinn der Sitte des Schenkens nicht begriffen. Ja, im eigentlichen Sinn verletzte er sämtliche Regeln des Anstandes und des Umganges untereinander. Zumal er im Gegenzug das Beste einverlangt, was sein Gegenüber bieten konnte. Der Siegeszug des Geldes hat viele dieser ungeschriebenen Regeln und Gesetze ausser Kraft gesetzt.
Im Zuge einer Entwicklung, die sich zwangsläufig unseren, das heisst den westlichen Werten anpassen musste, wurde der Potlatsch erst abgeschafft und später von den kolonialen Behörden verboten. Zu sehr hat er in das
Konzept von Handel und Wandel einer Geldwirtschaft eingegriffen.
Doch wenn man genauer hinschaut, sind viele Dinge im allgemeinen Bewusstsein der Menschen erhalten geblieben. Quer durch Schichten, Rassen oder Bildungsstand. So ist die Bedeutung der drei roten Rosen in der Hand des jungen Mannes dem Punker wie auch dem Banker bekannt. Vor allem, wenn er selbst die drei genannten Rosen jemandem schenkt. Die Einladung zum Grillen im Schrebergarten bei den
ausländischen Nachbarsgärtnern ist genauso erwiderungspflichtig wie die Einladung zum Brunch beim Schwiegervater.
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft ... oder beendigen sie, je nach Erwartungshaltung des Gebers. Einem Kind ein Haustier zu schenken, heisst, es zur Verantwortung erziehen. Einem Bettler ein paar Münzen in den Hut zu werfen, beruhigt tatsächlich das eigene Gewissen.
Einen grossen Teil unseres Lebens gehen wir einer Beschäftigung nach, die sich entweder direkt oder indirekt mit dem Kauf und Verkauf von Dingen befasst. Neben den Bedürfnissen des täglichen Lebens sind wir, je nach persönlichem Wohlstand und Allgemeinzustand der Gesellschaft, in der Lage, uns besondere Wünsche zu erfüllen, Ferien zu machen, unsere Situation zu verbessern.
Die meisten Notwendigkeiten decken wir im Rahmen kommerzieller Handlungen ab. Doch Dinge haben neben
ihrem materiellen auch einen Gefühlswert. Unsere Moral ist nicht ausschliesslich eine kommerzielle. Noch immer gibt es Leute und Klassen, die an vergangenen Sitten festhalten, und wir alle beugen uns diesen Sitten bei
besonderen Anlässen und zu bestimmten Zeiten des Jahres.
Geben und nehmen, empfangen und erwidern
Verschenkter, nicht gehorteter Reichtum erhöht das Prestige, ist Zeichen von Grösse. Auch ist es wohl anzunehmen, dass Freigiebigkeit und Festfreude der einflussreichsten Individuen einer Gesellschaft einen grösseren Beitrag zur gemeinsamen Grundstimmung leisten als Verdrossenheit, Geiz und Egoismus.
In diesem Sinne: auf zu fröhlichen Horizonten.
Marcel Mauss, 1872 bis 1950, war ein Anthropologe und Soziologe aus
dem familiären Umfeld Emile Durkheims. Er untersuchte soziale Phänomene auf ihre Totalität. Sein Werk zur «Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften» gilt als bedeutendste Untersuchung zu diesem Thema. Alle kursiv gedruckten Zitate sind diesem Buch entnommen.
Erstausgabe: Essai sur le don / Paris 1950
Deutsch: Die Gabe
Suhrkamp Wissenschaft 1990
ISBN 978-3-518-28343-1
Archiv
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