Ernesto Perez-Carrillo: Komplex, aber zugänglich

Ernesto Perez-Carrillo wollte Jazz-Musiker werden. Stattdessen wurde er zur Legende der US-amerikanischen Zigarrenindustrie.

Interview: Tobias Hüberli, Fotos: Njazi Nivokazi

Ernesto Perez-Carrillo junior kam 1952 in der kubanischen Provinz ­Pinar del Rio zur Welt. Sein Vater Ernesto Perez-Carrillo senior besass die Zigarrenfabrik El Credito und war als Senator in der Politik tätig. 1959 emigrierte die Familie nach Miami. 1968 gründete der Senior mit anfangs nur einem Zigarrenroller das Unternehmen El Credito Cigars. Vier Jahre später lancierte er die Marke La Gloria Cubana, einen kubanischen Brand, dessen Markenrechte er sich für den US-amerikanischen Markt sicherte. Derweil versuchte sich der Junior in New York als Jazz-Musiker. 1976 kehrte er zur El Credito Cigars zurück und lernte von seinem mittlerweile schwer erkrankten Vater. Nach dessen Tod übernahm er 1980 die Führung des Unter­nehmens, die Jahresproduktion der damals fast nur in Miami verkauften Marke betrug etwa 125?000 Zigarren.

Das änderte sich im Zuge des Zigarrenbooms. 1993 erhielt die La Gloria Cubana eine Fabelwertung im Cigar ­Aficionado. Die Nachfrage explodierte von einem Tag auf den nächsten. 1996 gründet Perez-Carrillo junior in der Dominikanischen Republik eine zweite Fabrik mit einer Jahresproduktion von sechs Millionen Zigarren (1997). 1999 verkaufte er El Credito Cigars an den Industriekonzern Swedish Match, leitete aber während weiteren zehn Jahren die Produk­tion. 2009 gründete er zusammen mit seiner Tochter ­Lissette McPhillips Perez-Carrillo und seinem Sohn Ernesto Perez-Carrillo lll. die EPC Cigar Company. Deren Jahresproduktion beträgt derzeit rund zwei Millionen ­Zigarren. Bestseller sind die Marken E.?P. ­Carillo sowie die Inch, eine ­Zigarre mit 62er-, 64er- und 70er-Ringmass.

Wenn Sie eine Zigarre wären, mit welchen Attributen würden Sie diese beschreiben?
Ernesto Perez-Carrillo junior: Komplex und gleichzeitig zugänglich. Sie wäre nie langweilig und würde ihrem Raucher helfen zu entspannen. Das ist sowieso die wichtigste Aufgabe einer Zigarre.

Sie bezeichnen sich selbst als analytische Person.

Absolut. Ich mag es, den Dingen auf den Grund zu gehen, die Pros und Kontras genau abzuwägen. Bei einem neuen ­Zigarrenblend kann dieser Prozess problemlos ein bis zwei Jahre dauern, manchmal geht es aber auch nur eine Woche. Wenn ich mir sicher bin, entscheide ich sehr schnell.

Ihre Familiengeschichte ist eng mit dem Tabak verbunden.

Mein Grossvater und sein Bruder verdienten ihr Geld mit Penny-Zigarren. Sie stellten ihren Rolltisch an eine Strassenecke und fertigten frische Zigarren, die sie für einen Penny verkauften. Man darf nicht vergessen: Ein Grossteil der damals in Kuba produzierten Zigarren wurde auch im Land konsumiert. Natürlich wurde auch exportiert, aber Kuba war der Hauptmarkt. Mein Vater startete im Tabakgeschäft, als er 24 Jahre alt war. Zuerst kaufte er den Tabak von den Bauern, fermentierte ihn und belieferte damit die Fabriken. 1948 erwarb er die Zigarrenfabrik El Credito und 1954 ging er in die Politik: Er vertrat im Senat die Provinz Pinar del Rio. 1959 emigrierte er nach Miami.

Und gründete ein neues Unternehmen.

Nicht sofort, mein Vater schlug sich ­jahrelang irgendwie durch, arbeitete in Bars oder Schuhfabriken. Ich habe noch alte Schecks, die zeigen, dass er manchmal keine 50 Dollar die Woche verdiente. 1958 gründete er mit einem Roller die El Credito Cigars.

Warum wollten Sie Musiker werden?

Ich spielte Schlagzeug seit meiner Schulzeit, am liebsten Jazz. Als 20-Jähriger arbeitete ich im Unternehmen meines Vaters, meine Frau übrigens auch, aber wir verdienten einfach nicht genug. 1976 sah ich dann wirklich keine Zukunft mehr in der Zigarrenindustrie, alles war irgendwie festgefahren. Ich zog für etwa acht Monate nach New York und suchte den Kontakt zur Jazz-Szene. Ich konnte sogar einmal bei Stan Getz vorspielen, war aber schlicht nicht gut genug.

Wieso kehrten Sie zurück zu El Credito Cigars?

Im gleichen Jahr erkrankte mein Vater an ALS. Er wollte die Firma verkaufen, jemand bot ihm 125?000 Dollar. Ich spielte damals Musik in Miami und verdiente relativ gutes Geld. Während der Verkaufsverhandlungen übersetzte ich für meinen Vater und dabei passierte etwas mit mir. Irgendwann nahm ich meinen Vater zur Seite und sagte ihm: Ich finde, du solltest die Firma nicht verkaufen. Er war einverstanden unter der Bedingung, dass ich zurückkehre und mit ihm zusammenarbeite. Natürlich konnte ich mit der Musik nicht aufhören, damit machte ich täglich 60 Dollar und wir hatten eine kleine Tochter, aber tagsüber arbeitete ich fortan in der Fabrik.

Sie waren einer der grossen Profiteure des Zigarrenbooms.

Der Boom veränderte die gesamte Industrie. Zuvor produzierten wir zirka 125?000 Zigarren im Jahr. 1993 wurde die La Gloria Cubana im Cigar Aficionado mit über 90 Punkten bewertet und wir wurden überrannt. 1996 bauten wir eine zweite Fabrik in der Dominikanischen Republik mit einer anfänglichen Kapazität von sechs Millionen Zigarren pro Jahr.

1999 verkauften Sie die Zigarrenfabrik Ihres Vaters, um 2009 die EPC Cigars Company zu gründen, zusammen mit Ihrem Sohn und Ihrer Tochter. Wieso?

Manchmal frage ich mich das selbst. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch Erfolg haben kann ohne Zigarrenboom, und ohne dass mir mein Vater den Weg bereitet. Dass meine Kinder mitmachen wollten, war ebenfalls ein wichtiger Grund.

In der Branche gelten Sie als Legende. Wie fühlt sich das eigentlich an?

Ich empfinde das selbst nicht so, ich lerne immer noch jeden Tag hinzu. Aber es ist natürlich schmeichelhaft, wenn andere das so sehen.

Wie haben sich Ihre Zigarren verändert?

Bei den neuen Blends ist es vor allem die Herkunft. Ich wollte nicht eine zweite La Gloria Cubana machen. Während ich früher mehrheitlich mit Tabaken aus der Dominikanischen Republik arbeitete, stammen heute 80 Prozent aus Nicaragua.

Mit Ihrer Erfahrung, wie sehen Sie die ­Situation in den USA?

Die Restriktionen sind unfair. Das Problem ist, dass unsere Industrie niemals so viel Geld macht wie die Zigaretten­industrie. Die meisten Marken sind noch immer in Familienbesitz. Wir können uns die horrenden Kosten für die Zu­lassung eines neuen Produkts schlicht nicht leisten. Die kleinen Hersteller wird es hart treffen. Und die Grossen wissen ganz genau, dass sie die kleinen Boutique-Zigarren-Macher wie einen Caldwell oder einen Tatuaje brauchen, um die Innovation und die Kreativität der Branche in Gang zu halten.

Ist EPC eine grosse oder eine kleine Firma?

Wir produzieren zurzeit etwa zwei Millionen Zigarren pro Jahr. In den alten Tagen war man mit jährlich einer Million Zigarren gross, heute ist man mit zwei Millionen immer noch eine Boutique-Marke.


Der richtige Ort
Die Redaktion von Cigar trifft in regelmässigen Abständen Persönlichkeiten aus der Zigarrenwelt zum Interview. Das passende Ambiente für dieses Gespräch fanden wir in der Lounge des Manuel’s an der Zürcher Löwestrasse.

www.manuels.ch

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