Ein Mann für alle Männer

Mit dem Gentlemen’s Circle in Berlin feiert André Goerner durchschlagende Erfolge. Der Visionär sagt, warum sein Konzept die Verdichtung der männlichen Wunschwelt ist – und warum er sich insbesondere in Zürich einen Ableger wünscht.

Interview: Sarah Kohler ,Fotos: Pavel Becker

Hollywoodstar Cary Grant soll es mal so gesagt haben: «Ich versuchte immer, diese Person zu sein, und irgendwann war ich sie, oder die Person war ich.» Darin erkennt sich auch André Goerner wieder: Er habe stets diese Affinität zu einer bestimmten Art von Lebensstil gehabt, sagt der 41-Jährige, der aus Dresden stammt, den Frisörberuf in Bayern erlernte und in München zehn Jahre bei Starfrisör Gerhard Meir arbeitete. Von ihm bekam er 1999 die Geschäftsführung der Stores im Berliner Hotel Adlon sowie im Grand Hotel Heiligendamm anvertraut. 2004 machte sich Goerner mit seiner «Stil-Institution» Goerner?&?Company selbstständig: Auf 300 Quadratmetern zelebriert er das klassische Frisörhandwerk mit klarem Fokus auf die Frau. Der Chef steht mittwochs bis samstags selbst im Laden und schneidet Haare. Die Eröffnung des Gentlemen’s Circle in Berlin-Mitte erfolgte Anfang 2015.

Sie sind gelernter Frisör, schneiden im Gentlemen’s Circle aber weder Haare noch Bärte. Warum?

André Goerner: Ganz einfach: Weil ich dem Kunden nicht das gleiche Erlebnis bieten kann wie meine Barbiere. Bei
mir bekommt man einen perfekten Haarschnitt, aber die Barbiere haben eine Ausbildung absolviert, die es in Deutschland gar nicht gibt. Sie stammen aus Manchester, Manhattan, aus der Türkei. Wir schalten Stelleninserate in den USA und in England, weil wir hier keine passenden Leute finden. Im Vorfeld war mir das nicht ganz klar,
ich dachte, ein Barbershop sei eine schönere Formulierung, eine etwas aufmerksamere Umgebung für den Herrenfrisör.

Aber?

Es ist ein Lebensstil. Für die Barbiere sind der Ort, die Atmosphäre und das Miteinander mindestens so wichtig wie das Gehalt. Ich bekam klar kommuniziert: Wenn die Arbeit nicht von gegenseitigem Respekt geprägt ist und auf Augenhöhe stattfindet, ist sie für einen Barbier nicht tragbar. Für den Umgang, den meine Barbiere mit unseren Gästen pflegen, bin ich selbst zu sehr Dienstleister. Wenn bei mir ein Kunde kurzfristig absagt oder unpünktlich erscheint, ärgere ich mich vielleicht, winke aber ab: kann passieren. Die ­Barbiere führen eine Blacklist: Nach drei solchen Vorkommnissen darf ein Kunde nur noch als Walk-in erscheinen. Ich lasse das zu, lerne und staune. Es soll hier ja authentisch sein.

Wir müssen an dieser Stelle den Gentleman als solchen definieren. Was schlagen Sie vor?

Ich könnte jetzt die Wikipedia-Definition herunterleiern. Aber die beruft sich auf das Bild des Gentlemans von anno dazumal.

Nun ja: Der Begriff an sich ist etwas ­antiquiert.

Da bin ich ganz bei Ihnen: Ich glaube, dass wir ihn nur in Ermangelung eines besseren Wortes verwenden. Weil ich noch keine passendere Bezeichnung gefunden habe, versuche ich, die bestehende mit neuen Werten zu füllen, die besser in die Gegenwart passen.

Die da wären?

Ein wesentliches Merkmal für mich ist Aufmerksamkeit: Ein Gentleman sieht vielleicht, wenn mein Glas leer ist, und schenkt mir nach, oder er spürt, wenn ich nach einem schönen Abend gehen möchte, und nimmt darauf Rücksicht. Er hört zu.

Kann man das lernen?

Man kann sich bemühen, aufmerksam zu sein. Es ist simpel: Wie möchte ich wahrgenommen werden? Wie möchte ich, dass ein anderer mir gegenüber auftritt? Ich zum Beispiel habe wahnsinnig Freude daran, gut angezogene Menschen zu sehen, die sich Gedan-
ken gemacht und einen eigenen Stil ­haben – wenn ich erkenne, dass sich ­einer nicht einfach nur morgens müde was aus dem Schrank gegriffen hat. ­Also bemühe ich mich, dass auch andere was Schönes anzuschauen haben. So funk­tionierts auch mit Verhaltensweisen. Menschen mit einer Affinität dazu finden im Gentlemen’s Circle Gleichge­sinnte.

Wie wird man denn Teil des erlauchten Kreises?

Man kommt durch die Tür und sagt: Guten Tag, ich hätte gern einen Haarschnitt oder eine Bartrasur.

Sie lehnen keinen ab?

Einem legte ich kürzlich in aller Deutlichkeit nahe, dass wir für ihn nicht die geeignete Institution sind, weil er sich despektierlich gegenüber einem Barbier und dem Massschneider verhalten hatte. Wer zu uns kommt, sollte eine gewisse Kinderstube durchlaufen haben – wobei ich nicht zwingend den Besuch eines Internats oder einer Privatschule meine. Mir gehts um ein vernünftiges Mass an Respekt: Damit sind bei uns aber alle willkommen. Sehen Sie: Wir haben an der Bar tolle Whiskys von Johnnie Walker, unter anderem den King George V., für den wir natürlich Geld nehmen. Das Glas kostet 40 Euro. Der Student, der sich bei uns einen Haarschnitt leistet, hat aber auch die Möglichkeit, sich kostenlos an unserem Red-Label-Hauswhisky zu bedienen. Spätestens, wenn der Whisky im Glas ist, ist er von jenem des Privatiers, der den King V. bestellte, nicht mehr zu unterscheiden. Da sind alle gleich, man kommt ins Gespräch, knüpft Kontakte. In erster Linie sind unsere Gäste Männer. Männer mit einer Affinität für diese Art von Herrenkultur.

Und die sollen hier alles finden, was sie brauchen.

Das ist die Grundidee, meine Vision: die Verdichtung einer männlichen Wunsch­welt. In meiner idealen Singlewohnung würde eine Flasche Whisky stehen, wäre da ein Humidor, ein grosser Tisch für meine Männerzeitschriften, ein schöner Sessel. Da würde diese Musik im Hintergrund laufen und gäbe es viele Pflegeprodukte. Ich halte unser Geschäft für die ideale Welt des modernen Mannes, dem wir zudem gewisse Hilfestellungen geben.

Wie meinen Sie das?

Am Smokey Friday beispielsweise sind auch der Schuhputzer und der Massschneider vor Ort: Unsere Gäste können den Genuss einer Zigarre mit etwas Praktischem verbinden. Wir bieten aber auch Hemden von der Stange für 55 Euro, für den Mann, der vielleicht einen Businesstermin in Berlin und einen Espresso über die Kleidung gekippt bekommen hat. Im Gentlemen’s Circle findet er ein vorselektioniertes Angebot, braucht sich um die Auswahl nicht zu kümmern. Wer mich kennt und meinen Stil akzeptabel findet, weiss, dass alle Dinge, die es hier zu erwerben gibt, dem entsprechen. Und wenn wir etwas nicht haben, empfehlen wir unseren Partner, ganz direkt.

Spannend ist auch Ihr Concierge-Service.

Wir können international helfen, wenns darum geht, Tickets zu organisieren oder einen Tisch in einem Restaurant zu bekommen, in dem das tendenziell schwierig ist. Ich persönlich sehe mich hier als Spin Doctor, als eine Art Regisseur – mit der Aufgabe, Orte zu schaffen, die eine solche Faszination ausüben, dass die richtigen Menschen, seien das Gäste, Partner oder Mitarbeiter, hierher finden.

Was macht Ihr Geschäftsmodell so erfolgreich?

Wir schufen einen Sehnsuchtsort. Ich glaube, dass jeder Mann diesen in sich herumgetragen, aber geglaubt hat, er sei damit allein. Darum schlug unser Konzept ein wie eine Bombe. Wir haben Kunden, die sich in den Zug setzen und zwei, drei Stunden nach Berlin fahren, die hier Stunden warten oder wochenlang vorher einen Termin vereinbaren, die uns Aufmerksamkeiten machen, damit sie in Erinnerung bleiben.

Ach, so läuft das?

(Lacht) Das ist natürlich keine Voraussetzung. Aber manche Gäste suchen individuelle Wege der Wertschätzung.

Eine Freude kann man Ihnen mit einer Partagas D4 machen.

Sie ist meine Lieblingszigarre, ja. Ich rauche öfter Pfeife und eher selten ­Zigarre, vielleicht drei- oder viermal in der Woche. So selten jedenfalls, dass ich keine Kompromisse oder Experimente eingehen mag. Wenn ich keine D4 rauche, wähle ich eine leichte Zigarre – denn entgegen jeder Definition halte ich die D4 nicht für mittelkräftig. Für mein Geschmacksempfinden ist sie sehr leicht – auch wenn
die Fachwelt das anders sieht. Ich traue mich, hier Widerwort zu geben. Denn auch das macht einen Gentleman aus: Er hat ein positives Selbstverständnis, eine Meinung, die durchaus kontrovers sein darf, und bezieht einen Standpunkt.

Es geht um Haltung.

Richtig. Eine Haltung zu haben, ist in der heutigen Zeit, in der viele Leute bloss noch die Überschriften lesen, besonders wichtig. Ich widme mich jeden Morgen eine Stunde der Zeitungslektüre. Das ist Zeit, die ich mir nehme. Ein weiterer Aspekt des modernen Mannes: Er ist selbstbestimmt.

Was hält eigentlich Ihre Frau vom Projekt Gentlemen’s Circle?

Die glaubt ja, das Ganze sei mein grosses Kinderzimmer.

Und wie Recht hat sie?

(Lacht) Nicht ganz Unrecht. Ich habe das Glück, eine Frau zu haben, die beruflich sehr erfolgreich ist. Was ich hier tue, ist im Vergleich dazu ein lukratives Hobby. Sie unterstützt mich, nicht nur, weil sie findet, es sei eine bessere Beschäftigung als Stilllebenmalen oder Töpfern, sondern auch, weil sie als Erste davon profitiert. Was hat sie denn an ihrer Seite?

Einen zufriedenen Mann?

Nicht nur einen zufriedenen, sondern vor allem einen wirklichen Mann. Einen, der sich als Mann definiert und fühlt. Wer will denn, mit Verlaub, ernsthaft einen David Beckham? Der mag schnuckelig aussehen, aber dieses Unisex-Ding ist doch nicht männlich. Ich bin überzeugt, dass Frauen auch etwas davon haben, wenn sie ihre Männer zu uns schicken.

Diese Möglichkeit sollen bald auch Frauen ausserhalb von Berlin haben.

Allerdings. Wir werden nächstes Jahr in einer zweiten deutschen Stadt aktiv, wobei ich nicht verrate, in welcher. Was ich aber sagen darf: Ich wünsche mir einen Circle in Zürich.

Warum in Zürich?

Weil die Stadt bei mir ein ähnliches Gefühl auslöst wie die Welt, die ich hier geschaffen habe. Ich glaube, dass man in Zürich den nötigen Respekt hat. Was mir wichtig ist – und auch daran erkennt man, wie konkret ich an der Idee bastle: Ich möchte die richtigen lokalen Partner finden, ich möchte vor Ort recherchieren, wer interessiert daran ist, das Konzept mitzutragen. Ich würde um die Chance ­bitten, für die Männer in Zürich ein ­zusätzliches Angebot zu schaffen, weil ich glaube, dass wir mit unserer Erfahrung dafür die Richtigen wären. Aber mit ganz viel Demut und Respekt.


Mehr als ein Barbershop

Der Gentlemen’s Circle ist mehr als ein Barbershop, in dem aktuell fünf ausgebildete Barbiere am Werk sind. Darüber hinaus umfasst das Konzept Produkte und Dienstleistungen von sogenannten Circle-Partnern, die dem Mann in seiner Gänze gerecht werden sollen. Dazu gehören ein Concierge-Service, eine Day Bar, ausgesuchte Kleidung und massgeschneiderte Hemden, Uhren und Accessoires, Düfte und Pflegeprodukte sowie ein vom renommierten Zigarrenhändler Herzog am Hafen zusammengestelltes Sortiment an kubanischen Klassikern und Raritäten. Mit dem Smokey Friday wird das Genussrauchen im Gentlemen’s Circle regelmässig zelebriert: Die gepflegte Runde, in der ausnahmsweise auch Damen willkommen sind, trifft sich zum Wochenausklang, um zu schmauchen und sich in ungezwungener Atmosphäre auszutauschen.

Gentlemen’s Circle
Charlottenstrasse 35
10117 Berlin, Deutschland
+49 (0)30 200 754 70
www.gentlemens-circle.com

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