Schall&Rauch - Bonnie Raitt: «Have a heart»

Text: Matthias Martens, Foto: Marina Chavez

Hey!
Shut up
Don’t lie to me
You think I’m blind but I got eyes to see
Hey!
Mister, how do you do
Oh pardon me I thought I knew you.


Ein gelber Walkman mit ewig verkrauscheltem Kopfhörerkabel, pulverweicher Sand um die jungen Füsse, die nach langen Wochen in den Flip-Flops nie wieder in die Lederschuhe passen wollen würden und der braungebrannte Rücken mit dem getrockneten Salz des Indischen Ozeans. Wir hatten alle lange Haare, nur die der Mädchen rochen besser, noch besser. Beim Küssen schmeckten wir die Nelken der Kretekzigaretten, den süssen Linger auf den Lippen, der blieb, wenn das leichte Brennen auf der Zungenspitze verflogen war, und das Salz. Wir rauchten Kreteks, weil europäisch-westliche Zigaretten erstens zu wenig exotisch, zweitens zu teuer waren, und es drittens, später, je weiter es nach ­Osten ging, keine mehr zu kaufen gab. Ausserdem hatten wir gelesen, dass sie gegen Hunger helfen sollten. Nicht dass wir Hunger gelitten hätten, aber wir solidarisierten uns so mit den Dockarbeitern in Jakarta, die Stadt hatten wir verlassen, das Elend war uns in Erinnerung geblieben, auch als wir nach Bali und Lombok auch Sumbawa hinter uns gelassen hatten und die Armut längst einer natürlichen Einfachheit gewichen war.

Sie war Holländerin, bildhübsch mit Sommersprossen und rotbraunen Locken, Medizinstudentin und ein paar Jahre älter als ich. Und der Sarong stand ihr so gut, ihrer war grün mit einem dezenten roten Muster. Meiner war sandfarben mit Colorado-maduro-Einlage. Die Momente, sich zu küssen, wurden seltener, je voller die Busse wurden und je neugieriger die Menschen, wir schliefen in offenen Häusern oder Pfahlhütten am Strand, die wilden Partys von Kuta Beach hatten wir lange den Australiern überlassen, wir schwebten in der rubbertime und liessen Flüge verfallen und unsere Leute zu Hause im Ungewissen. Busse, Züge kamen oder nicht, ein Tag länger kostete ein Lächeln und eine Schachtel Gudang Garam. Niemand wollte je wieder nach Hause.

Nicht jeder hatte einen Grund, sie schon, sie war traurig und hörte von einer Kassette immer dieses Lied, es war nur dieses drauf. Wir teilten uns die Kopfhörer. Immer wieder dieses «Hey?… shut up! Don’t lie to me?…». Und manchmal durfte ich Salz vom Schulterblatt und von den Wangen küssen. Warum sie traurig war, war klar?… «If you don’t love me, why don’t you let me go? Have a heart, please, oh don’t you have a heart? Little by little you fade while I fall apart.» Gesprochen hat sie nie darüber, nur geseufzt und an meiner Kretek gezogen und den Sarong zurechtgezupft, während ich an ihren Haaren gerochen und mich gewundert habe, wie man so traurig sein, so gut riechen und so gut küssen kann. Sie war eine wunderliche Mischung, auch sensorisch gesehen, mit weihnachtlichem Nelkenbeigeschmack. Aus sentimentalen Gründen habe ich mir neulich eine Schachtel Kreteks ­kaufen wollen, sie heissen jetzt Ziga­rillos, weil Nelken in ordentlichen Zigaretten nichts zu suchen haben. Geben Sie nicht zu viele Kräuter in den Glühwein, sonst wird es ein Punsch. Vergessen Sie nie vergangene Tage und tragen Sie so oft wie möglich Flip-Flops!

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