Tomi Ungerer: Ein unzähmbarer Geist

Tomi Ungerer feierte unlängst seinen 85. Geburtstag. Eine gute Gelegenheit für eine feine Hommage an den Zeichner, Geschichtenerzähler und Kosmos-Politen.

Text: Wiglaf Droste, Fotos: Pascal Ungerer

«Natürlich ist auch Irland kapitalistisch, aber trotzdem sind hier alle gleich», sagt Tomi Ungerer, lächelt freundlich und offenbart ein beeindruckend unkorrigiertes Gebiss, das zu seinem durch­gearbeiteten Gesicht passt wie zum ­ganzen Mann. Wir sitzen im Garten des Three Castle Head Café, das Tomi Ungerers Sohn Lukas und seine Frau Joanne betreiben, von Juni bis August, länger dauert die Saison nicht im äussersten Südwesten Irlands, wo Wind und Atlantik ungebändigt und wild sind. «The winter here is a challenge», sagt Ungerers Frau Yvonne; bei Regen, Wind und einer bis zum Äussersten ­rauen Witterung lässt sich zwischen ­Kühen, Schafen und klugen Hütehunden nur ein eingeschränktes Outdoor-Leben führen. Hier muss man die Menschen im Kopf und im Herzen haben, denn zu Besuch kommen sie eher selten und ­vereinzelt.

Doch jetzt ist Juni in Ungerer-Land, die 160 Hektar auf dem umtosten Südwestzipfel Irlands zeigen sich sonnig und einladend. Tomi Ungerer ist 85 Jahre alt, hat internationale Klassiker für Erwachsene und für Kinder geschrieben und gezeichnet, ein ganzes Museum ist ausschliesslich ihm und seiner Arbeit gewidmet, und der gebürtige Strassburger, der sich weder als Franzose noch als Deutscher sieht, sondern als Elsässer und Europäer, trinkt einen Schluck Kaffee und dreht sich eine Zigarette. «Mein Hut hat keine Ecken, aber mein Kopf», sagt er, nimmt den alten Filz­deckel vom Kopf und lacht. Die Tod, ­Lebensgefahr und asozial-rücksichtsloses, gesellschaftsschädigendes Verhalten insinuierenden Aufschriften auf Tabak­packungen verachtet er wie die Nichtraucher- und Volksgesundheitslobbyisten, die er «Faschisten» nennt. Ein Auge hat er verloren, den Krebs und mehrere Herzinfarkte überlebt, und wenn so jemand das heute schon etwas kalenderblattisiert wirkende Malmot «Tumor mit Humor» benutzt, dann darf der das.

Kurz vor der Reise nach Irland hatte ich noch einmal «Kein Kuss für Mutter. Eine Geschichte über zu viel oder zu wenig Liebe» gelesen und angeschaut, einen Klassiker, der 1973 in den USA und auf Deutsch 1974 bei Ungerers Stammverlag Diogenes erschien; in den USA wurde es zum «schlimmsten Kinderbuch des Jahres» gewählt, weil die Hauptfigur, der junge, freche Kater Toby Tatze, sich mit einem Freund eine Corona ansteckt, «um sich Mut anzurauchen», und auf dem Frühstückstisch der Familie Tatze eine Flasche Schnaps zu sehen ist; für die Hüter einer aufgeklebten Moral waren das Gründe genug, Ungerer aus den USA herauszuekeln.

«Das ist ein sehr autobiografisches Buch», sagt Tomi Ungerer über «Kein Kuss für Mutter»; er wollte nie überbehütet sein, sondern seinen eigenen Weg gehen und dabei finden. In die USA war Ungerer Mitte der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts ausgewandert, mit ein paar Manuskripten und 60 Dollar in der Tasche. Als er ankam, war er unterernährt und an einer Rippenfellentzündung erkrankt, kam wieder auf die Beine, veröffentlichte sein erstes Kinderbuch, reüssierte als Grafiker und Zeichner und schockierte in den Sechzigerjahren die Ostküsten-Schickeria, indem er sie zeigte, wie sie war: intrigant, selbstsüchtig, sexuell zwangs­exzessiv und in all dem bigott und verlogen.

Seine Kinderbücher waren bei Kritikern umstritten, aber grosse Publikumserfolge. 1961 erschien «Die drei Räuber», ein Märchen, das niemals alt wird. So geht das los: «Es waren einmal drei grimmige Räuber mit weiten schwarzen Mänteln und hohen schwarzen Hüten»; eines Nachts überfallen sie eine Kutsche, in der das Waisenkind Tiffany sitzt, das sich über ihre Gesellschaft freut, bei ihnen lebt und sie dazu inspiriert, aus einem prächtigen Schloss ein Waisenhaus zu machen. Die Kinder revanchieren sich und bauen «eine Stadtmauer mit drei mächtigen Türmen. Für jeden Räuber einen Turm. Aus Dankbarkeit.»

Es gibt das Böse in Tomi Ungerers Kinderbüchern, aber die Bestie kann gezähmt und besiegt werden durch die Liebe, die sich bei Ungerer – wie schon bei Oscar Wilde – oft in der unschuldigen, naiven Liebe eines Kindes zeigt. Ein wundervolles Beispiel für diese nicht als «pädagogisch wertvoll» eingestufte Sichtweise ist «Zeraldas Riese», das 1970 erschien und reichlich ungemütlich beginnt: «Es war einmal ein einsamer Menschenfresser, ein Riese von Gestalt, und wie die meisten Menschenfresser hatte er scharfe Zähne, einen stacheligen Bart, eine grosse Nase, ein langes Messer, schlechte Laune und einen riesigen Appetit. Am allerliebsten auf der Welt ass er kleine Kinder zum Frühstück.» Doch das Mädchen Zeralda wird eben nicht gefressen, sondern bringt den Riesen von seinem speziellen Rohkost-Fanatismus ab und setzt ihm die herrlichsten Speisen vor, bis es am Ende heisst: «Die Jahre vergingen. Zeralda wuchs zu einer schönen Jungfrau heran. Der wohlgenährte Menschenfresser rasierte sich den Bart ab. Sie verliebten sich ineinander, machten Hochzeit, lebten vergnügt und bekamen ein Menge Kinder. Und so, möchte man meinen, lebten sie glücklich bis an ihr Ende.»

Kinder lieben Abenteuer, sie lieben Frechheit, die über Macht triumphiert, und sie lieben ein Happy End – aber erst nach viel Aufregung und Gefahren, die überwunden werden müssen. Nicht gleich von Anfang an darf «alles gut» sein, das ist stinklangweilig! Alle guten Bücher für Kinder und Erwachsene folgen dieser Regel, Stevensons «Schatz­insel» genauso wie Twains «Huckle­berry Finn». Mit dem Kuschelwelt-Eititei der meisten heutigen Kinderbücher ödet man Kinder, sofern sie noch nicht vollkommen darauf dressiert und abgerichtet sind, einfach nur an, erstickt ihre Fantasie, verblödet sie sträflich, und die Überprotektion führt dazu, dass sie vor allem Angst haben, was sie am liebsten täten. Auch Erwachsene, die nicht auf Lebensschönheitsverzicht konditioniert sind, lieben, auf einer anderen Entwicklungsstufe als Kinder, die Welt als Eigenwillen und Vorstellung und nicht als Ort der einfältigen Verstellung mit Dutzi-Dutzi.

Dieser kranken Simulationswelt- und Menschensicht hat sich Ungerer stets verweigert; er lügt keinem die Hucke voll, und genau das ist die Verlockung, in die Welt einzutauchen, wie Ungerer sie wahrnimmt, und die Welt mit seinen Augen zu betrachten. Das hält seine Bücher klassisch jung; man entdeckt, so man sich selbst verändert, immer wieder Veränderungen, und ein eigener Blick des Publikums aufs Gros und aufs Detail ist ausdrücklich erwünscht und willkommen. In Tomi Ungerer waltet ein unzähmbar unabhängiger Geist, produktiv, spielerisch und mutig genug, die Welt als das anzusehen, was sie ist, und nicht als das, was sie nach den Massgaben einer in Angst erstarrten Mehrheit sein sollte. Dabei hat Ungerer gar nichts gegen Angst als solche: «Keine Angst, kein Mut», hat er gesagt; nur wer Angst kennt, kann auch den Mut entwickeln, sie zu überwinden.

Auch die Illustrationen, die Ungerer für «Das grosse Liederbuch» zeichnete, das 1975 veröffentlicht wurde, gehören zum Kanon der deutschsprachigen Kultur. Wie Ungerer den «Bruder Jakob» in der freien Natur seinen Rausch ausschlafen lässt, ist so grundgütig und lustig, dass man sich gleich mit ins Bild betten möchte. In den USA verzieh man dem Provokateur und Grenzensprenger Ungerer nicht, zumal der bekennende Erotomane und Sexmaniac eben nicht heuchelte, sondern freimütig zeichnete und schrieb. Doch der Diogenes Verlag ging mit ihm durch dick und dünn, und so zog Ungerer mit seiner Frau Mitte der Siebzigerjahre nach Neuschottland in Kanada, wo sie in der Wildnis lebten, lernten, wie man in harschem Klima mit Tieren zusammenlebt, von der Geburt bis zur Hausschlachtung; dieses Leben beschrieb und illustrierte Ungerer später in seinem hinreissenden Buch «Heute hier, morgen fort», das 1983 erschien.

Etwas näher mit Tomi Ungerer bekam ich zu tun, als ich auf einer kulinarischen Reise bei Ungerers Freund Philippe Schadt im elsässischen Blaesheim ass; Schadt, Herr der Kohlköpfe, zeigte mir ein Kabinett im ersten Stock, das Tomi Ungerer mit erotischen, saftigen und in jeder Hinsicht appetitan­regenden Wandbemalungen verziert hatte. Für die 30. Ausgabe der kulinarisch-künstlerischen Zeitschrift Häuptling Eigener Herd, die ich etwa 15 Jahre lang mit dem Stuttgarter Meisterkoch Vincent Klink herausgab, lieferte Ungerer die Zeichnungen. Damit das Heft pünktlich im Frühjahr 2007 erscheinen konnte, holte Vincent Klink die Zeichnungen im Schwarzwald ab, wo Ungerer bei einem befreundeten Hotelier und Koch lebte. Ungerer zeichnete beim Rouge auf Papiertischdecken, Klink fuhr ein paarmal bei ihm vorbei, und fertig waren die Illustrationen. So geht das!

Wir sprechen auch über Ungerers Kollegen Nikolaus Heidelbach, den Illustrator, Zeichner und Autor grosser Märchen und höchst eigenwilliger Geschichten für Kinder und Erwachsene, dem ich nach meiner Rückkehr eine Idee erzähle, zu der mich die Reise nach Irland inspirierte und die sich in Worten so beschreiben lässt: Die Bäuerin, verunziert nicht durch eine einz’ge Warze,?/ in Gummistiefeln und in Strapsen, trägt das kleine Schwarze.

Heidelbach, Ungerers Cousin im Geiste, zeichnete das Blatt und schenkte es mir. Ungerer sagt: «Der Tod, die ­Liebe, die Frauen, das ist das magische Dreieck. Für Gott ist da kein Platz.» Tomi Ungerer ist kein religiöser Mensch, aber nicht aus kategorischer Ablehnung heraus, sondern weil er den Glauben, den er suchte, nicht fand. Auf die Frage, was er Gott fragen würde, wenn er ihm begegnen sollte, hat er geantwortet: «Wann haben Sie sich zum letzten Mal rasiert?» Tomi Ungerer ist ein Schalk, und er macht Bücher für ein ganzes ­Leben. Seines möge bitte noch lange ­andauern, das wünsche ich ihm und mir. Aus Dankbarkeit.

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