cigar | Das Geheimnis des Zigarrenhändlers
Aus Cigar 3/2015
Auf Achse

Das Geheimnis des Zigarrenhändlers

Carlos Oliveira wollte nur seiner Mutter einen Gefallen tun, als er als 16-Jähriger in der Tabacaria Mónaco aushalf. Doch der Lissabonner war dem Laden bislang fast ein halbes Jahrhundert treu — und er wird es wohl über seine Pensionierung hinaus bleiben.

Text: Ümit Yoker
Fotos: Gabriela Martins

Glasschränke säumen den schmalen Gang der Tabacaria Mónaco. Sie sind vollgestellt mit Zigaretten, Tabak und Zigarren, natürlich, aber auch mit Reiseführern und Spielkarten, mit Kugelschreibern und aus der Zeit gefallenen Groschenromanen. Der kleine Tabakwarenladen steht mitten im Zentrum von Lissabon und doch übersieht man ihn leicht, eingepfercht, wie er ist, zwischen Café und Buchhandlung, der Eingang versteckt hinter Postkartenständern und Zeitungsauslagen.

Wer das Geschäft betritt, kann sich gut vorstellen, dass hier ursprünglich nicht Touristen mit Badeschlappen und Sonnenhüten verkehrten, sondern Herren mit gut sitzenden oder zumindest sorgfältig gepflegten Anzügen. 1877 hat die Tabacaria Mónaco zum ersten Mal ihre Türen geöffnet, seit der Renovation 16 Jahre später wurde nichts mehr an der Einrichtung verändert. Heute steht das Lokal unter Schutz. Noch immer ist der Geist der Belle Epoque in jedem Winkel spürbar, an der Decke ist in zarten Farben ein Himmel mit Schwalben aufgemalt, auf den Kacheln unter den dunklen Holzmöbeln erzählt der portugiesische Künstler und Karikaturist Rafael Bordalo Pinheiro kleine Bildergeschichten – von Fröschen, die lässig rauchend auf Seerosenblättern sitzen, und Störchen, die zwischen Schilfrohrkolben Zeitung lesen, eine Hommage an die Fabeln La Fontaines. Eine dekorative Telefonleitung zieht sich hoch oben der Wand entlang, auch auf ihr haben sich Schwalben niedergelassen. «Die Tabacaria Mónaco war einer der ersten Läden in der Stadt, der über eine öffentliche Telefonkabine verfügte», erzählt der Geschäftsführer Carlos Oliveira. Damit habe man sich nicht zuletzt einen Vorteil gegenüber der ewigen Rivalin verschaffen wollen, der nur wenige Gehminuten entfernt liegenden Tabacaria Havaneza.


Carlos Oliveira war 16 Jahre alt, als ihn seine Mutter bat, im Laden am Rossio-Platz auszuhelfen, dessen Mitarbeiter sie kannte. «Kurz darauf starb der Mann der Eigentümerin», erzählt der heute 61-Jährige. «Da konnte ich sie doch nicht einfach im Stich lassen.» Natürlich habe es im Verlauf der Jahre andere Jobangebote gegeben, aber irgendwann sei ihm die Tabacaria einfach zu sehr ans Herz gewachsen. Dass er das Geschäft, dessen Besitzer er seit einigen Jahren auch ist, voraussichtlich nicht nur bis zu seiner Pensionierung mit 65, sondern noch einige Jahre darüber hinaus führen wird, hat aber einen weiteren Grund: Carlos Oliveira kann es sich, wie viele Portugiesen, schlicht nicht leisten, sich zur Ruhe zu setzen. Die Krise im Land bekam in den vergangenen Jahren auch sein Laden zu spüren. «Meine portugiesischen Kunden greifen heute eher zur Montecristo als zur Cohiba», sagt der Mann mit Glatze und randloser Brille. Zudem würden die Margen auf Tabakwaren immer kleiner. Einst standen in der Tabacaria Mónaco eine Vielzahl von Zigarren und Zigaretten zur Auswahl, selbst nationale Marken wie Reinitas und Othello oder Emir Turco gehörten zum Angebot. Heute sind es neben Cohiba und Montecristo hauptsächlich Partagas, Romeo y Julieta, José L. Piedra oder Casa de Garcia.

Auf die Frage, welche Zigarrenmarke er für sich bevorzuge, lächelt Carlos Oliveira spitzbübisch, bevor er sein kleines Geheimnis preisgibt. Er weiss, wie die Leute auf die Antwort reagieren. In seinem ganzen Leben, entgegnet er schliesslich und kneift ein wenig die Augen zusammen, habe er noch kein einziges Mal geraucht. Sagts und wendet sich seinem nächsten Kunden zu.

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