cigar | Ein guter Blend
Aus Cigar 1/2018
Nicaragua

Ein guter Blend

Wir stehen am Anfang von etwas Grossem, sagt Nestor Andrés Plasencia. Im Interview spricht der Sohn von Tabaklegende Nestor Plasencia über das Erbe seiner Vorfahren und die ersten eigenen Zigarren der Tabakdynastie.

Interview: Tobias Hüberli
Fotos: Njazi Nivokazi

Welchem Land fühlen Sie sich am nächsten?
Nestor Andrés Plasencia: Ich bin ein in Estelí geborener, stolzer Nicaraguaner mit kubanischen Wurzeln, aufgewachsen in Honduras. Ich bin ein richtiger Zigarrenblend, wenn Sie so wollen.

Ihre Familie floh während der Revolution von Kuba nach Nicaragua und in den Achtzigerjahren vor den Sandinisten nach Honduras. Wie hat das den Clan geprägt?
Es war das Beste, was uns geschehen konnte. Nur deshalb sind wir in der Position, in der wir heute sind. Wenn man schlimme Dinge, die einem passieren, in etwas Gutes umwandeln kann, dann bringt einen das vorwärts, auf ein neues Level sozusagen. Wenn im Leben immer alles einfach geht, werden Sie nie die Beharrlichkeit und die Widerstandsfähigkeit bilden, die Sie brauchen, um grössere Dinge zu erreichen. Diese Tragödien haben uns als Familie gestärkt und unser Unternehmen grösser gemacht.

Ihr Vater sagte einmal: Wer meint, alles über Tabak zu wissen, ist entweder ein Idiot oder ein Dummkopf. Es gibt aber wohl wenige, die mehr über Tabak wissen als die Plasencia-Familie.
Und doch sind wir erst am Anfang von dem, was wir noch erreichen wollen. Die Leidenschaft, die wir für Tabak haben, treibt uns an, immer weiterzugehen, neue Konsumenten zu erreichen, die Muster zu verändern.

Was meinen Sie damit?
Gerade in Europa sagen mir die Leute: Um eine teure Zigarre verkaufen zu können, muss sie kubanisch sein. Ich frage mich, wieso: Kuba produziert zweifelsfrei gute Longfiller, aber in Nicaragua haben wir auch aufregende Zigarren. Mein Ziel ist es nicht, in Nicaragua kubanische Kopien zu blenden, sondern solche, die nach Nicaragua schmecken.

Die meisten Zigarren produzieren Sie aber in Honduras.
Das stimmt, allerdings sind die Tabake der beiden Länder sehr ähnlich. Und die Zigarren unter unserem Namen stellen wir in Nicaragua her. Darum sage ich auch, dass wir erst am Anfang von etwas Grossem stehen.

Von der Nischenzigarre Organica abgesehen, lancierte die Plasencia-Familie 2016 mit Alma Fuerte erstmals eine Zigarrelinie unter eigenem Namen. Wieso eigentlich?
Eine gute Frage, wir hätten auch einfach so weitermachen können: Tabak anbauen, fermentieren und Zigarren für andere rollen. Was uns immer fehlte, war der Kontakt zum Zigarrenraucher. In der Industrie ist der Name meines Vaters wohlbekannt, nicht aber beim Endkonsumenten. Mit der eigenen Zigarre wollen wir die Geschichte meines Vaters und meiner Vorfahren erzählen. Wir haben viele Jahre darüber nachgedacht. Für die Zigarre Plasencia Alma Fuerte sortieren und lagern wir seit zehn Jahren Tabake. Beim Blenden waren mein Vater und meine Brüder dabei, eine aufregende Erfahrung.

Sie sind Vizepräsident des Unternehmens und verantwortlich für die Zigarrenproduktion. Trafen Sie die Entscheidung, eigene Zigarren herzustellen?
Es war die Entscheidung der Familie, wobei ich mich schon stark dafür eingesetzt hatte. Ich liebe es, in den Plantagen zu sein oder in den Fabriken, dort gehöre ich hin. Aber die eigene Zigarre in einem Fumoir am anderen Ende der Welt mit Geniessern zu rauchen, ist unbezahlbar.

Dann frage ich anders. Wieso haben Sie nicht schon viel früher mit einer eigenen Linie begonnen?
Mein Vater wollte unsere Kunden schützen. Er dachte, wenn wir eigene Zigarren machen, würden sie unseren Tabak nicht mehr kaufen. Aber das Internet hat die Situation, die Welt verändert. Die Konsumenten fordern Informationen, die wollen wissen, wo die Zigarren gerollt, der Tabak angepflanzt wird. Also sagten wir: Wenn wir mit unserem Brand einen guten Job machen, hilft das auch allen anderen, für die wir Zigarren herstellen.


Wie viele Zigarren produzieren Sie?

Pro Jahr sind es aktuell über 2200 Tonnen Tabak und 40 Millionen handgemachte Zigarren. 6000 Menschen arbeiten für uns in Honduras und Nicaragua. Wir machen Zigarren für Rocky Patel, Alec Bradley, Maya Selva, aber auch für Villiger oder Schuster. Und wir verkaufen Rohtabake an Davidoff, Litto Gomez oder La Aurora. Wir fühlen uns geehrt, dass uns so viele Leute vertrauen.

Gibt es eine Evolution im Tabakanbau oder ist dieser im Grunde immer noch gleich wie vor 40 Jahren?
Es ist mehr oder weniger dasselbe. Was sich verändert hat, ist sicherlich die Pflege des Bodens. Der grösste Wert, den unsere Firma hat, sind die Mitarbeiter, der zweitgrösste ist die Erde. Es ist unglaublich, was einem die Erde geben kann, wenn man sie richtig behandelt. Auf dieser Ebene gab es riesige technologische Fortschritte. Wir wissen heute haargenau, wie feucht unsere Böden sind, wir kennen deren Zusammensetzung und düngen absolut gezielt. Auch in den Trocknungsschuppen läuft das mittlerweile sehr präzise ab. Das alles macht unsere Tabake und unsere Zigarren besser.

Nicaraguanischer Tabak ist weltweit sehr gefragt, wird das so weitergehen?
Wenn wir einen guten Job machen, dann ja. Und damit meine ich nicht die Plasencia-Familie, sondern alle Produzenten in Nicaragua. Ich denke, es ist eine gute Zeit, um Zigarren aus Nicaragua zu probieren. Familien wie Padrón oder Perdomo machen interessante Zigarren, kümmern sich um den Tabak, auch AJ Fernandez leistet grossartige Arbeit. Das ist aber auch der einzige Weg, um einen Markt mit einer Nachfrage aufzubauen. Plasencia allein würde niemals reichen.

Ihr Vater ist eine Legende in der Tabakbranche. Wie gehen Sie damit um?
Es ist eine Herausforderung für mich und meine Brüder. Unsere Vorfahren haben Erstaunliches aufgebaut. Die Frage, die ich meinen Brüdern immer stelle, lautet: Was wird dereinst unser Erbe sein?

Und?
Wir werden den Namen Plasencia in der Welt bekannt machen, mit unseren eigenen Zigarren. Das wird unsere Aufgabe sein.

Dann reden wir über Ihre Zigarren.
In der Alma-Serie sind fünf verschiedene Zigarren geplant. Den Anfang machte die Alma Fuerte. Der Name bedeutet «starke Seele» und sagt eigentlich schon alles. Es ist ein nicaraguanischer Puro, hergestellt mit den besten Tabaken aus den vier Regionen, in denen wir Tabak anbauen: Estelí, Jalapa, Ometepe und Condega. Für diese Zigarre haben wir seit etwa zehn Jahren ausgewählte Tabake zur Seite gelegt. Wichtig ist auch, dass es sich immer um den gleichen Tabaksamen handelt, einen von uns entwickelten Criollo 98, der aber je nach Region ein ganz anderes Geschmacksprofil hat. Letztes Jahr kam die zweite Zigarre der Serie, die Alma del Campo, auf den Markt.

Was hat es mit der Cosecha-Serie auf sich?
Cosecha bedeutet Ernte. Im November lancierten wir in den USA die erste Zigarre dieser Serie, die Plasencia Cosecha 146. Für den Blend verwendeten wir nur Tabak aus der 146. Tabakernte der Familie Plasencia. Dieses Jahr werden wir zum 153. Mal ernten.

Wie reagierte eigentlich die Konkurrenz auf Ihre Zigarren?
Wir sehen uns nicht als Konkurrenten, sondern vielmehr als Kollegen. Am Ende entscheidet der Konsument, welche Zigarre er rauchen will. Heute nimmt er vielleicht eine von Padron, morgen eine von AJ Fernandez und übermorgen eine von uns. Da ist Raum für alle. Wenn wir gut arbeiten, wird der Markt für Premiumzigarren weiterwachsen, der Kuchen grösser werden. Ich habe lieber einen kleinen Teil von einem grossen Kuchen als ein grosses Stück von einem kleinen Kuchen.

Die Familie von Nestor Andrés Plasencia (42) ist seit 1865 im Tabakanbau tätig. Der Onkel seines Urgrossvaters kam von den Kanarischen Inseln nach Kuba und pflanzte Tabak an. Während der kubanischen Revolution verlor die Familie alles und floh über Mexiko nach Nicaragua, wo Nestor Plasencia senior den Tabakanbau wieder aufnahm. Als Nestor Andrés Plasencia drei Jahre alt war, floh die Familie erneut, dieses Mal vor den Sandinisten nach Honduras, und begann nochmals von vorne. Nestor Plasencia junior kehrte erst als 15-Jähriger nach Nicaragua zurück. Unter der Führung seines Vaters entwickelte sich das Unternehmen ab den Neunzigerjahren zu einem der wichtigsten Tabakproduzenten der Branche. Neben dem Tabakanbau (aktuell sind es 2267 Tonnen Tabak pro Jahr) produziert Plasencia Premiumzigarren für zahlreiche andere Marken, zum Beispiel für Rocky Patel, Maya Selva, Casa Magna, Alec Bradley oder Villiger. 2002 lancierte die Familie erstmals eine Zigarre unter eigenem Namen, die Plasencia Organica, die erste vollständig biologische Zigarre der Welt. Als Vizepräsident verantwortet Nestor Andrés Plasencia die gesamte Longfillerproduktion des Unternehmens (aktuell 40 Millionen Zigarren pro Jahr). Unter seiner Ägide kam 2016 die Eigenproduktion Plasencia Alma Fuerte auf den Markt. Sie bildete den Auftakt einer fünfteiligen Serie. Im Sommer 2017 folgte die Plasencia Alma del Campo. Seit März ist zudem die erste Ausgabe der Cosecha-Serie, die Plasencia Cosecha 146, in der Schweiz erhältlich. Importiert werden Plasencias Zigarren von der Royal Cigar Company in Basel.

www.cigarcompany.ch

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