cigar | Eine Woche Spektakel
Aus Cigar 1/2017
Tabak total

Eine Woche Spektakel

Am Festival del Habano präsentierten sich die kubanischen Zigarrenmarken von ihrer besten Seite. Für die aus allen Ecken dieser Welt angereisten Aficionados ging es indes nicht nur um die neusten Zigarren, sondern auch darum, zu sehen und gesehen zu werden.

Text und Fotos: Tobias Hüberli

Der Auftakt des 19. Festivals del Habano fiel ins Wasser – und zwar buchstäblich. Kurz vor Beginn der feierlichen Welcome Night im ehrwürdigen Club Habano begann es zu regnen. Und obwohl zu dieser Jahreszeit keineswegs un­üblich, hatten sich die Veranstalter im Vorfeld offensichtlich nicht allzu lange mit einem Schlechtwetterszenario aufgehalten. Was folgte, war ein Lehrstück in kuba­nischer Krisenkommunikation. Zuerst hiess es, der Anlass sei abgesagt: Musiker und Gäste machten reihenweise kehrt. Jene, die vor dem Eingang ausharrten, wurden mit etwa einer Stunde Verspätung dann doch auf das Gelände gelassen. Der Poolbereich stand unter Wasser, dafür war das Gedränge im Innern des Kolonialhauses umso grösser. Das Buffet wurde innert Minuten überrannt, dazu gab es spanischen Schaumwein und leider längst nicht für alle zwei Exemplare der brandneuen, weltweit auf 5000 Kisten limitierten H. Upmann Sir Winston Gran Reserva 2011.

Rund 2000 Aficionados aus über 50 Nationen reisten heuer für das Festival nach Kuba. Während einer Woche tauchten sie ein, in die Welt der kubanischen Premiumzigarren, besuchten die berühmten Manufakturen der Hauptstadt, die Plantagen in der Vuelta-Abajo-Region oder die Fachmesse im Palacio de los Convenciones. Dort fand auch die Pressekonferenz statt. Demnach steigerte die Habanos SA letztes Jahr ihren Umsatz um fünf Prozent auf 445 Millionen Dollar. Die wichtigsten Märkte sind Spanien, Frankreich und China. Die Schweiz folgt auf Platz sechs, sie liegt neu einen Rang hinter Kuba.

Die jährliche Tabakernte der Insel beträgt durchschnittlich zwischen 21000 und 22000 Tonnen, davon gehen zirka 16000 Tonnen in die lokale Zigarettenproduktion. Die Kubaner streben eine jährliche Produktion von 90 Millionen Premiumzigarren an und benötigen dafür rund 2500 Tonnen Tabak. Zigarren­doyen Heinrich Villiger schätzt den weltweiten Bedarf indes auf 100 Millionen Stück. Die gelockerten Import­bestimmungen für kubanische Puros in die USA hätten die Nachfrage zusätzlich angeheizt. Als direkte Konsequenz wird die Verfügbarkeit in der Schweiz auch 2017 eine Herausforderung bleiben.

Daran ändert auch die aktuelle, sehr gute Tabakernte nichts: Einige Bauern sprechen von der besten seit zehn Jahren. Allerdings kommen diese Tabake erst in etwa zwei Jahren in gerollter Form in den Handel. Bis dahin dürften vor allem grosse Formate ein Problem bleiben. Für die in der Schweiz extrem beliebte, aber auch sehr selten verfügbare Cohiba Behike scheint Cubatabaco indes an einer Lösung zu arbeiten. Sie plant laut Tabakbauer Iván Máximo ­Pérez Maceda nämlich den speziellen Anbau des exklusiv für die Behike ­benötigten Tabakblatts Medio Tiempo. Dabei handelt es sich um die beiden obersten Blätter der Tabakpflanze, also Ligero-Tabak, der unter bestimmten Um­ständen, wenn er besonders saftig und kräftig gerät, als Medio Tiempo klassifiziert werden kann. Allerdings erreicht man solche Spitzenqualitäten nur, wenn die unteren Blätter früh geschnitten werden, das wiederum schmälert den Ertrag der Bauern, weshalb die meisten auf das Züchten von Medio Tiempo verzichten.


Mit der erneuten Lancierung der in den Siebzigerjahren gegründeten Marke Quai d’Orsay zerrt die Habanos SA ein Mauerblümchen zurück ins Rampenlicht. Von ursprünglich fünf Vitolas überlebte einzig das Format Coronas Claro die Jahrzehnte. Und dieses fristete meist ein Nischendasein in den Humidoren, kaum bekannt ausserhalb von Frankreich. Dies soll sich nun ändern, und zwar mit einem frischen Design und zwei neuen Vitolas, der Quai d’Orsay
No. 50 und der Quai d’Orsay No. 54. Um es vorwegzunehmen: Beide neuen Formate dieser traditionell milden Zigarre überzeugten mit viel Geschmack und beachtlicher Komplexität. Wann die überarbeitete Linie in der Schweiz erhältlich sein wird, ist nicht bekannt. Auch über den Stückpreis war nichts in Erfahrung zu bringen. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Preise der bis
anhin ziemlich günstigen Zigarre leicht angehoben werden.

Der Galaabend war dann der wichtigsten Einführung des Jahres, der Montecristo Linea 1935, gewidmet. Die Serie ist mit einem kräftigen Blend ausgestattet, um sich von der milden Montecristo Open-Serie sowie den klassischen – ­mittelkräftigen – Montecristo-Formaten abzuheben. Als bester Habanos-Verkäufer wurde der Brite Edward Sahakian ausgezeichnet.

Die eigentlichen Stars der Gala waren aber nicht die neuen Zigarren, auch nicht die zahlreichen hochstehenden Tanzeinlagen oder die rund 1000, in feinstes Tuch gekleideten Gäste, sondern die sieben Humidore der traditionellen Versteigerung.

Den Spitzenpreis erzielte der Cohiba-­Humidor. Das heuer mit einem markanten Metallkopf verzierte Kunstwerk fand für 380000 Euro einen Käufer. Ein weiteres Meisterstück war der als Tresor konzipierte Humidor von H. Upmann. Beide Kunstwerke stammen übrigens aus der Feder von ­Jose Ernesto Aguilera. Insgesamt spülte die Versteigerung 1,225 Millionen Euro in das kubanische Gesundheits­system. Und zum Abschluss noch eine Eigenheit der Galanacht: Nach der Versteigerung des letzten Humidors ist plötzlich fertig. 1000 Leute stehen auf und verlassen die heruntergekühlte Halle so rasch wie möglich, ­um noch ein Taxi zu ergattern und davon­zurattern in die schwüle Nacht Havannas.

Versteigerung
Der Humidor von Montecristo stand während des Galaabends im Zentrum der Aufmerksamkeit, erzielte mit 200000 Euro aber nicht den Höchstpreis. Für den Cohiba-Humidor legte ein Sammler stolze 380000 Euro auf den Tisch. Der als Tresor konzipierte Humidor von H. Upmann brachte 200000 Euro ein. Danach folgten die ­Zigarrengefässe von Romeo y Julieta (150000 Euro), Partagas (115000 Euro), Hoyo de Monterrey (100000 Euro) und Bolivar (80000 Euro).

Apropos Havanna
Vor einem Jahr berichteten wir an dieser Stelle von einem Projekt mit Schweizer Unterstützung ­in der Calle San Juan de Dios am Rande der Altstadt. Mittlerweile ist das Restaurant Van Van gestartet und hat sich bei Tripadvisor in kürzester Zeit einen Spitzenplatz erobert. Ein Besuch lohnt sich, wegen des Ambientes, des preiswerten ­Essens, und weil es einer der wenigen Orte in Havanna ist, an denen zum frischen Fisch eine Sauce gereicht wird, die diesen Namen verdient.

Neue Zigarren
Auch am diesjährigen Festival del Habano wurden reihenweise neue ­Zigarren präsentiert oder zumindest angekündigt. Im Zentrum stand die Erweiterung des Montecristo-Brands mit der Linea 1935. Diese kräftige Premiumlinie besteht aus zwei komplett neuen Formaten (Maltes und Dumas) sowie aus dem von der Montecristo 80 Aniversario bekannten Leyenda-Format. Aufgefrischt wird zudem die in den Siebzigerjahren gegründete Marke Quai d’Orsay. Dazu präsentierte die Habanos SA zwei neue Formate, die Quai d’Orsay No. 50 sowie die Quai d’Orsay No. 54. Sie gesellen sich zum bestehenden Format Coronas Claro. So nebenher präsentiert wurde zudem das Kurzformat Petit Royales von Romeo y ­Julieta. Exklusiv für die Casa del Habano gibt es neu die Trinidad La Trova sowie die H. Upmann Connoisseur B (wird auch bei den Habanos-Spezialisten erhältlich sein).

Die Edition Limitada 2017 besteht aus einer Cohiba Talismán, einer ­Partagás Serie No. 1 sowie einer Punch Regios de Punch. Die Schweizer Delegation erhielt während dem Festival zudem die Möglichkeit, die neue Edición Suiza 2017, eine Sancho Panza Valientes zu degustieren. Ein Fazit ist in diesem frühen Stadium (die Zigarre wird nicht vor Ende des Jahres in der Schweiz erwartet) traditionell schwierig, mild bis mittelstark dürfte sie aber wohl ein würdiger Nachfolger der Juan Lopez Eminentes werden.

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