cigar | Gut gemischt
Aus Cigar 1/2017
Tabak total

Gut gemischt

Seco, Volado, Ligero: Die Kubaner definieren ihre Zigarren vor allem nach deren Stärkegrad. Das Saatgut spielt eine untergeordnete Rolle. Im Rest der Welt ist das anders.

Text und Foto: Tobias Hüberli

Entspannt sitzt er da, im einigermassen kühlen Schatten, mit Blick auf sein prächtiges Tabakfeld. Über drei Hektaren bepflanzt Iván Máximo Pérez Maceda in der kubanischen Provinz San Juan y Martínez mit dem weltweit begehrten Rohstoff. «Unsere Zigarren definieren sich vor allem durch ihren Stärkegrad», sagt Pérez Maceda und drückt uns eine Zigarre in die Hand, die er aus seinen eigenen Tabaken gerollt hat. Sie schmeckt durch und durch kubanisch. Und genau das sei auch das Ziel. «Bei meinem Tabak versuche ich, immer die gleichen, typisch kubanischen Aromen zu erzeugen, die Tabaksorte ist dabei nicht wichtig, sortiert werden die Blätter sowieso nur nach Stärke sowie nach dem Terroir.»

Die Aussage erstaunt, denn ausserhalb Kubas werden Tabaksorten in der Regel separat kultiviert. «Mit unseren Tabaken können wir sieben Millionen verschiedene Blends herstellen», sagt Sam Reuter, Global Brand Manager von Davidoff. Konkret baut der Schweizer Zigarrenkonzern auf der Dominikanischen Republik zirka 80 unterschiedliche Tabaksamen in 15 Klimazonen an. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Variationen der drei Sorten Piloto Cubano, San Vicente sowie Oloro. Je nach ­Klima­zone entwickeln sie unterschiedliche Eigenschaften, etwa eine prägnante Süsse oder spezielle Aromen, die gezielt in den Blend einer Zigarre eingearbeitet werden können.

Ein Meister im Kombinieren von ­Tabaken aus unterschiedlichen Anbau­gebieten und Ländern ist Jonathan Drew. Der Querdenker und Gründer der Zigarrenfabrik Drew Estate in Estelí experimentierte früh mit allerlei Tabaken. In einer Zeit, als die ganze Branche nach nicaraguanischem Tabak schrie, importierte er Ballen aus Mexiko, Brasilien oder Honduras, ja sogar vor Pfeifen­tabaken schreckte er nicht zurück. «Für meine Zigarren will ich die besten Tabake der Welt, ist mir doch egal, woher ­die kommen.» Drews berühmteste Premiumzigarre, die Liga Privada No. 9, besteht aus einem US amerikanischen Deckblatt, einem brasilianischen Umblatt sowie aus sieben verschiedenen Einlagetabaken aus Honduras und ­Nicaragua.

Der aufwendigste Blend von Davidoff ist zurzeit die Winston-Churchill-Linie mit Tabaken aus vier Herkunftsländern. «Bei der Kreation einer neuen Zigarre überlegen wir uns zuerst ein Gesamtkonzept, wir definieren nicht nur das Geschmacksprofil und die Stärke des künftigen Premium-Longfillers, sondern auch die Zielgruppe», so Reuter. Bei der Winston Churchill habe man mit den verschiedenen Tabaken auch die unterschiedlichen Charakterzüge des bri­tischen Politikers, Schriftstellers und Abenteurers spiegeln wollen. Komplett ­anders präsentiert sich die Lage übrigens bei den klassischen, in den Neunzigerjahren kreierten Davidoff-­Linien. Sie ­bestehen mit Ausnahme des Deckblatts aus dominikanischen Tabaken. Das Resultat ist ein äusserst homo­genes Geschmacksprofil, das sich dramatisch ändert, wenn wie bei der ­limitierten ­Serie 702 ein anderes Deckblatt verwendet wird (siehe auch Seite 59).

«Der geschmackliche Einfluss des Deckblatts auf eine kubanische Zigarre beträgt etwa sieben Prozent», schätzt Pérez Maceda. Das ergibt Sinn, da auch die kubanischen Deckblätter auf die lokaltypischen Aromen getrimmt werden. Sonst sind über die Gepflogenheiten des innerkubanischen Blendings nur Fragmente zu erfahren. Die 27 Marken sind nach ihrer Stärke, also nach ihrem Verhältnis der drei Blattstufen Seco, Volado und Ligero, organisiert. Am milden Rand stehen Brands wie etwa Quai d’Orsay oder Fonseca, gute Socken braucht es hingegen für den Genuss einer Cohiba Behike. Interessant wird es bei gleich stark klassifizierten Marken: Wie gelingt die geschmackliche ­Differenzierung zwischen Cohiba und Partagás? In diesem Fall soll unterschiedliches Terroir für die Charakteristik der einzelnen Zigarrenlinie sorgen. Pérez Maceda selbst weiss übrigens nicht, in welche Zigarren seine Tabake am Ende verarbeitet werden.

Sicher ist: Auch für erfahrene Raucher sind kubanische Marken in einem Blindtasting mitunter schwer zu unterscheiden. «In Kuba steht das Blenden nicht im Vordergrund, sondern es werden Puros produziert, also Zigarren mit Tabak aus nur einem Herkunftsland, das ist eine andere Disziplin», so Reuter. Die Konsumenten erwarten von einer Habanos diese typischen nur auf dem kubanischen Terroir gedeihenden Aromen. Ausserhalb Kubas aber nutzen die Hersteller (fast) die gesamte Bandbreite an weltweit angepflanzten Tabaken für ihre Zigarren. Nur einer fehlt ihnen. Und im Stillen träumen wohl die meisten Zigarrenblender davon, eines Tages honduranische, brasilianische oder nicaraguanische Tabake mit kubanischen zu vermählen.

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