cigar | Vom Könner für Kenner
Aus Cigar 1/2019
Mode

Vom Könner für Kenner

Dominik Bachmann ist Jurist, ehemaliger Designer – und Herrenausstatter: In seiner Zürcher Boutique Kenner bietet er Massbekleidung für den Mann von Welt. In Stilfragen ist der Tausendsassa sattelfest und erfrischend undogmatisch.

Text: Virginia Nolan
Fotos: Njazi Nivokazi

Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren», sagte einst Karl Lagerfeld. Dominik Bachmann hält es insofern mit dem unlängst verstorbenen Modezaren, als dass er keine Trainerhosen trägt – aber nicht, weil er sie mit Kontrollverlust assoziierte: «Ich habe nicht die Figur dafür.» Es ist nämlich gerade Sportbekleidung, die einen am wenigsten sportlich aussehen lässt, weiss Bachmann, «es sei denn, man hat einen tadellosen Körper». Allen anderen sei die klassische Herrenbekleidung ans Herz gelegt. Diese ist Bachmanns Steckenpferd, eine Leidenschaft, die der Jurist zu seinem zweiten Standbein gemacht hat. Kenner heisst seine Boutique im Zürcher Kreis vier, und der Name ist Programm.

So zieht sich Bachmanns Sinn für Ästhetik, den ihm Stil-Experten wie Modejournalist Jeroen van Rooijen attestieren, wie ein roter Faden durchs Leben des 50-Jährigen. Als Bub brachte er sich das Nähen selbst bei, in der Jugend folgten die ersten Modeschauen im Wirtshaus seines Aargauer Heimatdorfs, als Jurastudent war er Mitbegründer eines Modelabels, das an Wettbewerben wie dem Prix Bolero Erfolge feierte. Vom Nähen lässt Bachmann mittlerweile die Hände; seit 2014 ist er «Herrenausstatter für den Mann mit Stil», wie es auf dem Schaufenster seiner Boutique heisst. Hier lässt er seinen Kunden Anzüge, Hosen, Gilets, Mäntel und Sakkos auf den Leib schneidern. Dafür arbeitet Bachmann mit traditionellen Manufakturen wie Scabal zusammen, die ausschliesslich in Europa produzieren. Nebst Massbekleidung führt Kenner wenige Prêt-à-porter-Ergänzungen und ausgesuchte Accessoires, etwa von der Schweizer Hutwerkstatt Risa.

Was macht ihn denn aus, den Mann mit Stil? «Dafür gibt es kein Rezept. Für mich bezeichnet Stil am ehesten die Fähigkeit, die Harmonie von Farben und Formen zu beurteilen», so Bachmann. «Stil hat man – oder eben nicht.» Er sagt das, ohne einen überheblichen Ton anzuschlagen; die einen hätten kein Händchen für Mode, andere, er inklusive, seien dafür schlecht im Kopfrechnen. Auf die Frage, was zurzeit angesagt sei, zuckt der Herrenausstatter mit den Schultern. «Das interessiert mich nicht», sagt er, «gelegentlich frage ich Google, aber im Grunde sind mir Trends egal.

Ein Kleidungsstück soll der Silhouette schmeicheln.» Mit Pauschaltipps, wie sie in Stil-Rubriken daherkommen, tut sich Bachmann schwer, selbst modische Todsünden kennt er keine. Von Dos und Don’ts hält er nichts, wohlwissend, dass viele Wege nach Rom führen. Manchmal komme der Mann von Welt in Sakko und Trainerhose daher, kombiniere allen Unkenrufen zum Trotz Streifengilet mit Karokrawatte oder Anzug mit Gummistiefeln. Anything goes, alles geht, so lautet Bachmanns Credo. «Vorausgesetzt», sagt er, «man beherrscht seine Sache. Sonst gibt es Leute wie mich, die helfen können.»

Mit seinem eigenen Erscheinungsbild kennt Bachmann keine Gnade, zumindest nicht in Modefragen: «Es muss perfekt sein», befindet er. Hinter dem scheinbar makellosen Beau verbirgt sich aber kein seichter Fashionista, sondern ein vielschichtiger Gesprächspartner mit einem kritischen Blick auf die Branche. Einerseits, sagt Bachmann, stelle er mit Freude fest, dass sich Männer vermehrt für Mode interessierten und sich damit in ein Gebiet vorwagten, das aufgrund stereotyper Vorstellungen als Frauendomäne gelte. Andererseits, fährt er fort, habe die Medaille auch eine Kehrseite: «Frauen gelingt es erfreulicherweise immer besser, sich von klassischen Rollenidealen zu befreien. Männer hinken hinterher oder sind, insbesondere, was Schönheit betrifft, sogar dabei, sich diese Ketten erst anzulegen.» Als Beispiel führt Bachmann den Körperkult bei jungen Männern an. «In meiner Jugend wäre niemand auf die Idee gekommen, ins Fitnesscenter zu gehen», sagt er, «heute gibt es 14-Jährige, die Steroide nehmen.»

«Dress to impress» findet Bachmann keine ratsame Devise: «In erster Linie muss ich mir selbst gefallen.» Was wie eine Phrase klingt, ist eine Lektion, die ihn das Leben tatsächlich früh gelehrt hat, vor allem in der Auseinandersetzung mit seiner schwulen Identität. «Anzuecken ist zuweilen schmerzhaft», sagt Bachmann, «es schärft aber auch den Blick fürs Zwischenmenschliche und führt zu mancherlei Einsicht.» Jene, dass scheitert, wer sich verstellen will, gelte auch in der Mode: «Wer nicht authentisch ist, wirkt verkrampft und im dümmsten Fall lächerlich», so der Experte. Er wolle Herren ein- und nicht verkleiden, sagt Bachmann: «Dafür braucht es ein geschultes Auge, ehrliches Interesse am Gegenüber und genügend Zeit.» Rund zweieinhalb Stunden dauert das Beratungsgespräch für einen massgeschneiderten Anzug. Hochzeitsanzüge steuern in der Boutique 70 Prozent des Umsatzes bei. Wenn es nach Bachmann geht, sollen sie ihrem Träger noch lange nach dem grossen Tag Freude bereiten: «Wer es geschickt macht, meistert mit einem einzigen Anzug sämtliche Lebenslagen vom Galadinner bis zur Beerdigung der Grosstante.» Das Sakko bezeichnet der Stilexperte als bestes aller Kleidungsstücke: «Es lässt sich vielseitig kombinieren und ist immer kleidsam, es kaschiert Problemzonen, hält einen warm und ist dank zahlreichen Innentaschen überaus praktisch.»

Einstiegsangebote für Massanzüge gibt es bei Kenner ab knapp 1000 Franken, je nach Stoff kann ein Exemplar das Fünffache kosten. Die Preisspanne für ein Hemd nach Mass liegt zwischen 190 und 350 Franken. Anfangs arbeitete Bachmann auch mit Schneidern in Bangkok zusammen, heute lässt er alle Stücke in Deutschland nähen. Diese Qualität hat ihren Preis. Für den Kunden, der tiefer in die Tasche greift, dafür aber seine Garderobe nicht jährlich auswechseln muss, weil der Herrenausstatter langlebige und gleichermassen zeitlose Kleidung an den Mann bringt. Und für Bachmann, der von seiner Boutique allein nicht leben kann. Nebenher arbeitet er als Jurist für die Aids-Hilfe Schweiz. «Die Juristerei ist eine keineswegs trockene Angelegenheit», findet Bachmann. «Bei jedem Rechtshandel stehen ein Mensch und seine Geschichte im Vordergrund. Insofern sind es gar nicht einmal so unterschiedliche Welten, in denen ich mich bewege.»

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