cigar | Totgesagte leben länger
Aus Cigar 4/2020
Schnelle Nummer: 155

Totgesagte leben länger

Die Zahl der Bauern, die in der Schweiz Tabak anbauen, schwindet seit Jahren. Zu Ende des Zweiten Weltkriegs waren es einmal 6000 Betriebe.

Text: Virgina Nolan
Foto: z. V. g. 

Strukturwandel nennen es die einen, Bauernsterben die anderen. Fakt ist, die Schweizer Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten tiefgreifend verändert; die Zahl der aktiven Betriebe schmilzt dahin. Diese Entwicklung betrifft nicht nur Ackerbau, Fleisch- und Milchwirtschaft, sondern auch eine verschwindend kleine Sparte der heimischen Landwirtschaft: den Tabakanbau. 2019 zählte die Statistik gerade mal noch 155 Schweizer Bauern, die auf insgesamt 398 Hektaren Tabak kultivierten. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren es noch 6000 Landwirte respektive 1450 Hektaren gewesen. Diese Talfahrt mag betrüblich sein, schliesslich droht damit ein Schweizer Kulturgut zu verschwinden. Und doch hat es mit der Binsenweisheit, dass Totgesagte länger leben, im Fall des Schweizer Tabaks etwas auf sich. Schon zigmal wurde der Pflanze auf heimischer Scholle das Aus vorhergesagt, und doch blüht sie jeden Sommer von neuem.

Zu sehen ist das rund zwei Meter hohe, breitblättrige Gewächs, das je nach Sorte gelbe oder rosa Blüten treibt, noch im nördlichen Jura, im Luzernischen oder im Aargau. Hauptanbaugebiet aber ist die Broye-Region in den Westschweizer Kantonen Waadt und Freiburg. Von dort stammen 80 Prozent des Schweizer Tabaks. Ins Auge fallen hier auch die hohen Holzscheunen, in denen die Tabakblätter aufgehängt werden. Durch die schmalen, lattenförmig angelegten Öffnungen der Wände zieht die Luft, die die Blätter zum Trocknen brauchen.

Nicht in der Westschweiz, sondern im Kanton Basel indes feierte die Tabakpflanze ums Jahr 1680 ihre Schweizer Premiere. Soldaten hatten das Rauchen aus dem Dreissigjährigen Krieg mit nach Hause gebracht, und Bemühungen vom Staat, die schlechte Gewohnheit strafrechtlich zu ahnden, verliefen bald im Sand – nicht zuletzt dank des wirtschaftlichen Potenzials, das mit dem Tabakanbau verbunden war. So galt Tabak lange Zeit als Pflanze des kleinen Mannes, und das nicht nur für den, der sie rauchte: Tabakkulturen ermöglichen nämlich einen vergleichsweise hohen Ertrag auf kleiner Fläche. Pro Hektare lasse sich damit zehnmal mehr Umsatz erzielen als mit Weizen, hält der Schweizer Branchenverband Swiss Tabac fest. Umgekehrt erfordere Tabak aber auch zehnmal mehr Arbeit.

Von dieser liessen sich die ersten Schweizer Produzenten – Kleinbauern, die mit der Aussicht auf einen Zustupf ins Geschäft einstiegen – nicht abschrecken. Und so folgten Ende des 17.Jahrhunderts Fabriken im Tessin, im Wallis sowie in der Westschweiz, und wenig später entwickelten sich im Aargau die bedeutendsten Zigarrenfabrikationen. Im Kleinen war Tabakanbau oft eine Frauenangelegenheit: Auf einem Stück Land zogen Bäuerinnen ein paar Stauden, um sich für die Festtage ein Sackgeld zu verdienen.

Ihre Hochblüte hatte die heimische Tabakwirtschaft zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Schweiz war damals das einzige Land Europas, das den Tabak nicht rationierte, weil man die Anbaufläche verdoppelt hatte. Nach dem Krieg ging es bergab: Importeure drängten mit günstigerer Ware vom Ausland auf den Markt, das Schweizer Bauernsterben und der damit verbundene Rückgang von Spezialkulturen taten ihr Übriges. Kommt hinzu, dass der Tabakanbau zwar verhältnismässig ertragreich, aber eben arbeits- und personalintensiv ist. Auch auf vergleichsweise kleinen Flächen braucht es in der Erntezeit von Juli bis August schnell bis zu zehn Personen, die täglich mitanpacken. Es sei schwierig, Betriebe zu finden, die während zweier Monate so viel Personal beherbergen und bezahlen könnten, heisst es auf Seiten des Schweizer Bauernverbands. Da sei es lukrativer, sich zusätzlich einen Nebenerwerb ausserhalb der Landwirtschaft zu suchen. Erntehelfer verdienen bei Schweizer Tabakbauern kaum über zehn Franken pro Stunde. Meist kommen sie aus Osteuropa, vor allem aus Polen und Rumänien.

Heimische Tabakbauern, die die Sorten Burley und Virginia anbauen, decken heute ungefähr vier Prozent der Schweizer Nachfrage ab. Sie erhalten jährlich rund 16 Millionen Franken aus dem Finanzierungsfonds für Inlandtabak. Alimentiert wird dieser durch Tabaksteuern und -konzerne. Für sie besteht zudem eine gesetzliche Verpflichtung, in der Schweiz angebauten Tabak zu kaufen. Mit einem Marktanteil von über 40 Prozent und mehr als 3000 Mitarbeitern in Neuenburg und Lausanne ist es vor allem das globale Branchenschwergewicht Philip Morris, das die Schweizer Produktion heute über Wasser hält.

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