cigar | Umtriebiger Bonvivant
Aus Cigar 3/21
Silvio Borsani

Umtriebiger Bonvivant

Zur Zigarre kam Silvio Borsani auch über die Kunst. Und zur Kunst kam er auf Umwegen. Schuld daran ist sein Vater. Aber der Reihe nach.

Text: Tobias Hüberli 
Fotos: Tobias Hüberli

Ein Gespräch mit Silvio Borsani führt schnell auf eine philosophische Ebene, dort fühlt sich der 44-Jährige sichtlich zu Hause. Da wäre etwa die Nostalgie des Moments, die den erklärten Bonvivant in all seinen Tätigkeiten beschäftigt. Gemeint ist damit jener Augenblick, in dem ein Moment zur Erinnerung wird, von der man noch lange zehrt. «Für genau solche Momente biete ich Produkte an», formuliert es Borsani. Nüchtern betrachtet verkauft er Kunst, Zigarren sowie seine Unterstützung als Coach und Consultant. «Dienstleistungen, um die Zeit einen Moment stehen zu lassen», nennt es Borsani.

Als jüngstes von drei Kindern im Aargauer Bildungsbürgertum aufgewachsen, erkennt Borsani früh sein künstlerisches Talent. Das Zeichnen geht im leicht von der Hand und seine Karikaturen sind von erstaunlicher Qualität. Die Kunstschule besuchen darf er allerdings nicht, sein Vater lenkt ihn dafür in ein Wirtschaftsstudium, das er in Basel absolviert. Dort entdeckt Borsani seine Leidenschaft fürs Coaching. «Es ist etwas Wunderschönes, jemanden begleiten zu dürfen, sein Potenzial zu entfalten.»

Als er während des Studiums beim Wirtschaftsprüfer Price Waterhouse Coopers anheuert, scheint alles für eine klassische Karriere aufgegleist. Nachdem er zum ersten Mal befördert wird, bricht Borsani die Übung ab. 2004 zieht er nach Belgrad und arbeitet fortan als Karikaturist. «In Serbien konnte ich geniessen, atmen und mich erfolgreich von altem Gedankengut befreien», so Borsani. Gleichzeitig reift dort auch die Idee für eines seiner drei heutigen Standbeine: Kunst auf Auftrag.

Das Ganze funktioniert folgendermassen: Über eine App schickt der Kunde ein Bild der Umgebung, die mit Kunst befüllt werden soll. Borsani berät ihn bezüglich Stilrichtung und stellt den Kontakt zum Künstler her. «Damit das klappt, muss man den Künstler, aber auch den Kunden coachen», erklärt Borsani. Der Kunde müsse verstehen, dass der Künstler etwas Handlungsspielraum braucht, sonst ist es keine Kunst mehr. Und der Künstler wiederum muss auf den Kunden zugehen, damit dieser auch kriegt, was er will.

Foto: z. V. g.

Ab hier stossen auch die Zigarren in Borsanis Leben. «Viele Kunden, vor allem aus der Kunst, sind passionierte Zigarrenraucher», so Borsani. Er selbst kommt erst spät zum Rauchen, aus purem Protest. «Als sich in der Schweiz die Rauchverbote etablierten, entschied ich, mit dem Rauchen anzufangen.» Tatsächlich passen Zigarren perfekt in seinen Lebensentwurf: «Ich rauche keine Zigarre, ich verbringe Zeit mit ihr.» 2012 beschliesst er, eigene Longfiller herzustellen. Zuerst versucht er sein Glück in Brasilien, anschliessend in der Dominikanischen Republik.

Beim Hersteller La Aurora sagen sie ihm, dass er mit solchen Kleinmengen nicht an die Tabakqualität herankommt, die ihm vorschwebt. «Damals realisierte ich, dass ich mein Schweizer Denken abstellen und jenes Programm einschalten musste, das ich im Balkan gelernt hatte: Ins Leben eintauchen und andere für die eigenen Träume gewinnen», so Borsani. Also treibt er sich in den Bars von Santo Domingo und Santiago de los Caballeros herum, knüpft Kontakte zur italienischen Community und erzählt überall seine Geschichte, die letztlich auf die richtigen Ohren trifft.

Heute lässt Borsani seine Zigarren in zwei international renommierten Fabriken rollen. Welche das sind, verrät er nicht. Doch wie kommt man als kleiner Fisch bei grossen Produzenten unter? «Ich war, so sagte man mir, einer der wenigen Europäer, der ihnen erstens nicht ihren eigenen Job erklärte und ­ihnen zweitens nicht die Sterne versprach, das fanden sie sehr sympathisch», so Borsani. 15 000 Zigarren beträgt die aktuelle Jahresproduktion, die er direkt und über einen Schweizer Onlinehändler vertreibt.

Auffallend ist, dass Borsani seine schweiz-italienischen Wurzeln mütterlicherseits voll in das Marketing seiner Zigarren einbezieht. Anstelle des üblichen Narrativs über die Herkunft des Tabaks und die Herstellung der Zigarren vermittelt er vielmehr ein Lebensgefühl, eine philosophische Betrachtung über die Zeit, über eben diese Nostalgie des Moments, sei das am idyllischen Hafen in Griechenland oder auf dem 100 Jahre alten Segelboot der Familie.

Tatsächlich diente das in den Neunzehnzwanzigerjahren im Auftrag von Sir William Burton in Schottland ge­baute Segelboot Borsani als Inspiration für die Zigarrenlinie Casa Borsani Maritime. «Wie das Schiff soll auch die Zigarre den Geniesser in den stillen Hafen der Sehnsüchte einfahren lassen.»

Geschmacklich zeichnen sich die drei Linien Maritime, Mediterrano sowie Nostalgia durch einen milden Charakter aus, mit cremigem Tabak, nussigen und schokoladigen Noten sowie Röstaromen. «Bei der Entwicklung der Blends höre ich stark auf die Rückmeldungen meiner Kunden», so Borsani. Und was genau ist sein Ziel? «Die Zigarren sollen unser Leben in absehbarer Zeit mit­finanzieren.» Für den nächsten Schritt hin zu einem etwas grösseren Schweizer Zigarrenproduzenten scheint er bereit. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt und neben einigen namhaften Lounges in der Innerschweiz finden sich seine Zigarren mittlerweile auch in der Cigar Library des Fünf-Sterne-Hotels The Chedi in Andermatt.

Silvio Borsani (44) verdient seine Brötchen (noch) hauptsächlich als Coach im Dienst von Versicherungen, Banken sowie Industriebetrieben. Daneben berät er Kunden in Sachen Kunst und vermittelt die ­passenden Künstler. Als drittes Standbein vertreibt er seit 2017 seine eigene Zigarrenmarke Casa Borsani. Zurzeit besteht diese aus den Linien Casa Borsani Mediterrano, Maritime sowie Nostalgia. Hergestellt werden die Zigarren in zwei namhaften Fabriken in der Dominikanischen Republik. Silvio Borsani ist Vater einer zweijährigen Tochter und lebt in Luzern.

casaborsani.com

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