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Habanos SA Habanos SA

Es bleibt kompliziert

Text: Charles Moosmann
Seit Monaten versucht die Habanos-Miteigentümerin Tabacalera S.L.U den Kriminellen Chen Zhi aus dem Aktionariat zu entfernen. Ein erstes Urteil könnte in diesen Tagen Klarheit schaffen. Dabei zeichnen vor Gericht eingereichte Dokumente ein dramatisches Bild der letzten Monate.
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Wurde am 7. Januar verhaftet: Chen Zhi

Im Nachgang der Verhaftung des Geschäftsmannes und mutmasslichen Cyberkriminellen Chen Zhi bleiben die Besitzverhältnisse bei der Habanos SA kompliziert. Zur Erinnerung: Die weltweite Marketing- und Vertriebsgesellschaft für kubanische Zigarren Habanos SA gehört je zur Hälfte dem kubanischen Staat und der spanischen Tabacalera. Letztere wurde 2020 für 1.4 Milliarden Dollar an ein asiatisches Investorenkonsortium verkauft, das unter dem Namen Allied Cigar Corporation firmiert. Recherchen des französischen Magazins L’Amateur de Cigare und weiterer Medien zufolge beträgt der Aktienanteil von Chen Zhi an Allied Cigar 57,1 Prozent.

Am 15. Oktober des vergangenen Jahres verhängten die amerikanischen und britischen Behörden Sanktionen gegen Chen Zhi und seine Unternehmen. Neben seinem Konglomerat Prince Group geriet auch Allied Cigar über ein komplexes Netz von Offshore-Gesellschaften ins Visier. Der heute 39-Jährige wird beschuldigt, an der Spitze eines riesigen Netzwerks sogenannter «Pig-Butchering»-Betrügereien zu stehen, die darin bestehen, über elektronische Nachrichten das Vertrauen von Personen zu gewinnen, um sie dann zu manipulieren und dazu zu bringen, in gefälschte Kryptowährungsanlagen zu investieren oder direkt Geld zu überweisen. Zhi tauchte daraufhin unter, wurde aber am 7. Januar in Kambodscha festgenommen und einen Tag später den chinesischen Behörden übergeben.

Tabacalera leitete Vorinsolvenzverfahren ein
Für Habanos S.A. hatte dies erhebliche Folgen. Anfang März leitete Tabacalera ein Vorinsolvenzverfahren (pre-concurso) ein. Damals bezeichnete das Unternehmen diesen Schritt als reine Vorsichtsmassnahme zur Sicherstellung der Geschäftskontinuität. Nach eigenen Angaben standen weder Liquiditätsprobleme noch eine rückläufige Nachfrage oder Qualitätsmängel hinter der Entscheidung. Das spanische Vorinsolvenzverfahren erlaubt es einem Unternehmen, unter gerichtlichem Schutz mit Gläubigern und Geschäftspartnern zu verhandeln, ohne offiziell als insolvent zu gelten.

Parallel dazu liefen auf den Britischen Jungferninseln vorläufige Liquidationsverfahren gegen mehrere Offshore-Gesellschaften, über die Chen Zhi seine Beteiligungen hält. Betroffen war auch die Struktur, über die Chen Zhi indirekt an Allied Cigar Corporation und damit an Tabacalera beteiligt ist. Für die vorläufige Liquidation zuständig ist die Firma Interpath. Nach Angaben von Tabacalera sollte über diesen Weg eine endgültige Trennung von Chen Zhi erreicht werden.

Anfang Mai erhielt Tabacalera von den amerikanischen und britischen Behörden befristete OFAC- und OFSI-Lizenzen, was dem Unternehmen zusätzliche Zeit verschaffte, Chen Zhi aus dem Aktionariat zu entfernen. Zur gleichen Zeit beschloss Tabacalera, das gerichtliche Schutzverfahren in Spanien nicht zu verlängern, da diese zusätzliche präventive Schutzmassnahme nicht mehr notwendig sei.

Die Beteiligungen sind an drei Fronten blockiert
Inzwischen zeigt sich jedoch, dass der Verkauf der Beteiligung von Chen Zhi an drei verschiedenen Fronten blockiert ist: in New York, Hongkong und auf den Britischen Jungferninseln. Die Verfügungen der Gerichte auf den Britischen Jungferninseln sind eindeutig: Die vorläufigen Liquidatoren (Interpath) dürfen ohne ausdrückliche gerichtliche Genehmigung keine Vermögenswerte verkaufen, verteilen oder verwerten. Im April beantragte Interpath bei einem amerikanischen Gericht die Erlaubnis für solche Verkäufe. Ein erheblicher Teil der Bankguthaben des Prince-Group-Netzwerks befindet sich in den USA und in Hongkong.

Dieser Antrag wurde jedoch von Cosimo Borrelli angefochten, einem Restrukturierungsspezialisten aus Hongkong. Er behauptet, auf Grundlage einer Kette von Vollmachten, die vor der Verhaftung von Chen Zhi erteilt worden seien, zum Verwalter mehrerer dieser Gesellschaften ernannt worden zu sein. Die Gültigkeit und Herkunft dieser Vollmachten werden derzeit von Interpath vor amerikanischen Gerichten angefochten.

Seitdem ist das Konkursgericht in Manhattan zu einem zentralen Schauplatz im Kampf um die Kontrolle über Chen Zhis Vermögenswerte – und damit um die Zukunft von Habanos S.A. – geworden. Die in diesem Verfahren eingereichten Gerichtsunterlagen liefern zudem neue Einblicke in die tatsächliche Lage des Unternehmens.

Für die Aktienanteile von Chen Zhi gebe laut Medienberichten mehrere Interessenten.
Für die Aktienanteile von Chen Zhi gebe laut Medienberichten mehrere Interessenten.

Tabacalera stand kurz vor der Insolvenz
So gab Paul Pretlove, einer der drei Liquidatoren von Interpath, am 13. Mai 2026 in einer eidesstattlichen Aussage zu Protokoll, dass Tabacalera im Herbst 2025 kurz vor dem Zusammenbruch gestanden habe. Laut Pretlove hatten Banken die Konten von Tabacalera eingefroren, kurzfristige Finanzierungsanträge abgelehnt und das Unternehmen war nicht mehr in der Lage, Lieferanten sowie Mitarbeitende regulär zu bezahlen.

Ebenfalls aufschlussreich ist Pretloves Aussage unter Eid, Interpath habe «ein vollständiges spanisches Insolvenzverfahren verhindert». Ohne das Eingreifen der Liquidatoren sowie die Erlangung der OFAC- und OFSI-Lizenzen im März und Mai 2026 hätte Tabacalera demnach möglicherweise formell Insolvenz anmelden müssen. Das im Februar 2026 eingeleitete Vorinsolvenzverfahren, das damals als vorsorgliche Massnahme dargestellt wurde, war in Wirklichkeit ein Wettlauf gegen die Zeit.

Wer sind die möglichen Käufer?
Die US-amerikanischen Gerichtsunterlagen bestätigen zudem die Existenz potenzieller Käufer für Chen Zhis Beteiligung. Laut Pretlove haben «mehrere Parteien Interesse bekundet». Mit einigen seien bereits Vertraulichkeitsvereinbarungen abgeschlossen worden. Zudem erklärte er, in der Woche vor seiner Aussage – also Mitte Mai 2026 – Kontakt zu Minderheitsaktionären oder deren Vertretern gehabt zu haben. Aufgrund bestehender Vertraulichkeitsvereinbarungen nannte er jedoch keine Namen.

Seine Aussagen stützen indirekt die Berichterstattung der spanischen Zeitung El Confidencial, wonach die emiratische Investmentgesellschaft Renovaire Group – die bereits 42,9 Prozent von Allied Cigar hält – als wahrscheinlichster Käuferin gilt. Renovaire hat diese Informationen jedoch nie offiziell bestätigt.

Sicher ist lediglich: Ohne die vorherige Zustimmung des Gerichts auf den Britischen Jungferninseln kann kein Verkauf stattfinden. Die Entscheidung des amerikanischen Richters Glenn über die Anerkennung des Verfahrens in den USA – erwartet in den Tagen oder Wochen nach der Anhörung vom 9. Juni 2026 – ist eine unverzichtbare Voraussetzung für jede Transaktion.

Die mysteriösen Vollmachten von Chen Zhi
Interpaths Gegenspieler in diesem Verfahren ist Cosimo Borrelli, ein renommierter Restrukturierungsexperte aus Hongkong. Er behauptet, zwischen dem 23. und 27. Februar 2026 – also sechs Wochen nach der Ernennung von Interpath – zum Verwalter von 25 der 30 betroffenen Gesellschaften ernannt worden zu sein. Grundlage seien Vollmachten gewesen, die Chen Zhi vor seiner Verhaftung erteilt habe.

Dokumente der Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell vom 5. Juni 2026 zeigen jedoch, dass diese Darstellung stark umstritten ist. In seiner Aussage weigerte sich Borrelli, die Identität jener Personen offenzulegen, die ihn bei 19 der 25 Gesellschaften zum Verwalter ernannt haben sollen. Die entsprechenden Vollmachten legte er ebenfalls nicht vor.

Zudem räumte er ein, Chen Zhi niemals persönlich getroffen und auch nie die Unterzeichnung einer Vollmacht miterlebt zu haben. Er erklärte lediglich, Chen Zhi habe vor seiner Inhaftierung in China bestimmten Personen weitreichende Befugnisse erteilt. Diese Personen seien weder angeklagt noch beschuldigt worden. Für sechs Gesellschaften, bei denen er sich als alleiniger Verwalter bezeichnet, gab Borrelli ausserdem zu, nicht sicher zu sein, ob er tatsächlich der einzige amtierende Verwalter sei.

Noch bedeutsamer ist eine weitere Enthüllung: Borrelli räumte unter Eid ein, vor Annahme seines Mandats mit Chen Zhis persönlicher Kanzlei, der Lee Law Firm, kommuniziert zu haben. Zudem bestätigte er, dass zwischen ihm und Chen Zhi in diesem Verfahren ein «gemeinsames Interesse» bestehe.

Obwohl sich Borrelli als unabhängiger Verwalter präsentiert, handelt er damit faktisch im Interesse von Chen Zhi. Sullivan & Cromwell bezeichnet diese Situation offen als schwerwiegenden Interessenkonflikt. Die Folgen könnten erheblich sein: Sollte Borrelli die Anerkennung seiner Autorität über Chen Zhis Gesellschaften erlangen, könnte er den Verkauf von Allied Cigar blockieren, die Zusammenarbeit mit den Behörden erschweren und eine Entschädigung der Opfer verhindern.