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Kampen Cigar 2/26 Kampen

Europas letzte Zigarrenrollerin

Text und Fotos: Tobias Hüberli
Von einst rund 120 Zigarrenfabriken ist in Kampen nur noch eine übrig geblieben. Doch in der historischen Sigarenfabriek De Olifant werden weiterhin Zigarren nach niederländischer Tradition produziert – mitunter auch von Hand.
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Kampen, eine idyllische Kleinstadt im Osten der Niederlande, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Im Mittelalter kam die Hansestadt dank ihrer geografisch günstigen Lage am Ufer der IJssel zu Wohlstand, was man noch heute einigermassen mühelos am gut erhaltenen Stadtbild erkennen kann. Doch viel wichtiger: Vor genau 200 Jahren entstanden in Kampen die ersten Zigarrenmanufakturen. In der Folge entwickelte sich der Ort zum Zentrum der niederländischen Zigarrenindustrie. Weltbekannte Marken wie Balmoral hatten hier ihren Ursprung.

Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass die Niederlande ausgerechnet im Jubiläumsjahr der heimischen Zigarrenindustrie das Plain Packaging für Tabakprodukte einführt, ab Juli ist es so weit. Zigarrenlounges sind bereits seit zwei Jahren verboten. Und von den einst rund 120 Zigarrenmanufakturen ist in Kampen nur noch eine einzige übrig geblieben: die Sigarenfabriek De Olifant.

Wir treffen Maaike van der Sluis in dem wunderschönen, 1883 erbauten Stadthaus im Herzen von Kampen. Zusammen mit ihrem Mann Thomas Klaphake arbeitet sie seit bald 30 Jahren in dem Familienbetrieb. Konkret sind das der Tee- und Kaffeehandel De Enhoorn sowie die Zigarrenfabrik, wobei sie ihre Marke De Olifant vor vier Jahren verkauft haben, aber der Reihe nach.

«Genau hier begann mein Urgrossvater, Zigarren herzustellen», sagt Maaike und zündet sich eine Zigarre an. Bis in die Siebzigerjahre wurden alle niederländischen Shortfiller-Zigarren von Hand gerollt. Dann hielt die maschinelle Zigarrenfertigung Einzug. «Wer damals investierte, hatte Erfolg, die anderen mussten nach und nach schliessen», so Maaike. Ihr Vater gründete einst sehr bekannte Marken wie «Nederlandsche Munt» (übersetzt: Niederländische Währung) und «Oud Kampen». Anders die Marke De Olifant: Sie wurde vor rund 45 Jahren von der Familie übernommen.

Maaike van der Sluis studierte kulturelles Management. 1995 lernte sie ihren Mann Thomas kennen, der damals bereits in der Zigarrenfabrik arbeitete. Nach der Geburt der zweiten Tochter stieg sie 2000 ins Familienunternehmen ein. «Thomas schickte mich in alle Ecken der Niederlande, um De Olifant zu verkaufen. Ich habe es geliebt», erzählt Maaike. Wobei ihre Aufgabe nicht unbedingt einfach war. Als Ende der Neunzigerjahre die Longfiller-Zigarren ihren Siegeszug antraten, gerieten Premium-Shortfiller-Produkte wie De Olifant in Bedrängnis. «Shortfiller galten plötzlich als billig, obwohl in unseren Zigarren extrem viel Handwerk steckt», so Maaike van der Sluis.

Niederländische Formate mit Geschichte (v.l.n.r.): «Corona», «De Arts» und «Knakje»
Niederländische Formate mit Geschichte (v.l.n.r.): «Corona», «De Arts» und «Knakje»
Wäre heuer 100 Jahre alt geworden: der legendäre De-Olifant-Zigarrenroller Tinus Vinke.
Wäre heuer 100 Jahre alt geworden: der legendäre De-Olifant-Zigarrenroller Tinus Vinke.
Maaike van der Sluis
Maaike van der Sluis

Der Blend von De Olifant besteht aus 18 bis 20 verschiedenen Tabaken, wobei die Mischung je nach Format variiert. Stilprägend für das holländische Rezept sind Tabake aus Java und Sumatra. Also jene Tabake, welche die Holländer einst aus Brasilien nach Indonesien gebracht haben und deren Abkömmlinge heute von Kamerun über die Dominikanische Republik bis nach Honduras angebaut werden. «Der Geschmack des indonesischen Originals ist bis heute unerreicht», sagt Maaike van der Sluis.

Für zusätzliche Harmonie und Komplexität sorgen in den De-Olifant-Zigarren derweil brasilianische sowie kubanische Tabake von unterschiedlichen Plantagen. «Wir kennen die Herkunft jedes Tabaks, kann ein Anbieter nicht liefern, suchen wir dafür einen passenden Ersatz», so Maaike. Allein auf Java gebe es über 20 verschiedene Anbaugebiete. Allerdings werde es gerade in Indonesien stets schwieriger, Premium-Tabake zu finden, da sich der Anbau immer weniger lohne.

Vor vier Jahren verkaufte die Familie die Marke De Olifant an das belgische Unternehmen Vandermarliere Cigar Family (VCF). Ein sicherlich schwieriger Schritt, wobei Maaike heute sagt: «Ich bin darüber gar nicht unglücklich.» In den letzten 15 Jahren hätten die gesetzlichen Vorgaben ständig zugenommen und ihr viel Energie geraubt. «Für unsere kleine Fabrik war das eine grosse Belastung.» Die Zusammenarbeit mit VCF sei eng und funktioniere gut. Heute werden in Kampen die limitierten Editionen von De Olifant produziert, in kleinen Stückzahlen und für den Fabrikladen sogar komplett von Hand. Die Jahresproduktion beträgt rund 250000 Zigarren. Der Rest, aktuell sind das zirka drei Millionen Zigarren, wird von VCF in Sri Lanka hergestellt, wobei sämtliche Tabakmischungen noch immer in Kampen vorbereitet und anschliessend nach Übersee verschifft werden.

Dieses Jahr feiert die Marke De Olifant noch einen runden Geburtstag. Heuer wäre der 2017 verstorbene, legendäre Zigarrenroller Tinus Vinke 100 Jahre alt geworden. «Ich kannte Tinus schon als Kind, er schenkte mir etwas Geld, wobei ich damals gar nicht wusste, was man damit machen konnte», erinnert sich Maaike. Um das Handwerk zu erhalten, bildete Tinus ab 2007 Maaike sowie zwei weitere Frauen in der Kunst des Zigarrenrollens aus. Heute fungiert Maaike auch als Markenbotschafterin von De Olifant und tourt als eine der letzten europäischen Zigarrenrollerinnen regelmässig durch Europa.

Das Vorgehen beim Rollen einer Shortfiller-Zigarre sei ein bisschen anders als bei einem Longfiller, sagt Maaike. «Es ist schwieriger, weil man mehr bewegliche Teile hat.» Routiniert entfernt die 55-Jährige die Mittelrippe des Umblatts, rollt die Einlage darin ein und presst die halbfertige Zigarre in einer Holzmulde. «Erst wenn du etwa 10000 Stunden investiert hast, kannst du es», sagt sie und lächelt. Ob eine Shortfiller-Zigarre handgemacht ist, erkennt man übrigens am geschlossenen Mundstück. Auf den Geschmack habe das indes keinen Einfluss. Viel wichtiger sei es, auch Premium-Shortfiller-Zigarren im Humidor zu lagern. Wie schon der verstorbene Zigarrendoyen Heinrich Villiger zu sagen pflegte: «Sie werden dadurch besser.»

Das Sortiment von De Olifant ist auch eine Zeitreise durch die niederländische Zigarrenkultur. Eigentümliche Formate zeugen vom praktischen Ansatz der Hersteller. So wurde das Kurzformat «De Arts» für Ärzte konzipiert, die zwischen zwei Sprechstunden eine kurze Rauchpause einlegen wollten. Das nach vorne geschlossene Format «Knakje» wiederum hat man extra für Matrosen erfunden: Die Zigarren liessen sich bei stürmischem Wetter deutlich leichter anzünden.

Geschmacklich kann man die Zigarren von De Olifant grob in zwei Kategorien aufteilen. Die Shortfiller mit einem brasilianischen Deckblatt sind etwas kräftiger und süsslicher. Jene mit einem Sumatra-Deckblatt sind hingegen feinwürzig, entwickeln im Rauchverlauf eine angenehme Cremigkeit sowie etwas Salz auf der Zunge. Allen Formaten gemein ist ein hervorragendes Zugverhalten sowie ein überaus interessantes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Nun ist die Sigarenfabriek De Olifant nicht nur ein Produktionsstandort für Shortfiller und Kaffeeröstungen, sondern auch ein gelebtes Museum. An die 10000 Besucher verzeichnete die Familie letztes Jahr. Das seien mehr, als das örtliche Museum vorweisen könne, sagt Maaike hinter vorgehaltener Hand.

Neben Fachhändlern aus ganz Europa bestaunen auch Aficionados und Touristen die teilweise weit über 100 Jahre alten Gerätschaften. In den prächtigen Verkaufsräumlichkeiten der Fabrik lassen sich zudem Sondereditionen kaufen, unter anderem limitierte Vintage-Sumatra-Zigarren, für die bis zu 20 Jahre alte Tabake verwendet werden. Spontanbesucher seien indes vorgewarnt. Führungen werden nur auf Voranmeldung gemacht, dafür auch in englischer und deutscher Sprache.

De Olifant in der Schweiz

Sämtliche Zigarillos und Zigarren der Marke De Olifant werden von der Wellauer AG importiert und sind im Schweizer Fachhandel erhältlich. Das Sortiment besteht grob betrachtet aus drei Serien. Zur Linie «Modern» gehören die Mini- und Giant-Zigarillos «Brasil» und «Sumatra». Die Linie «Classic» ist das Herzstück des Unternehmens und umfasst acht Modelle, variierend vom kleinen Zigarillo über die überaus beliebte «Knakje» bis hin zur «Corona Panatella». Nur in begrenzter Auflage erhältlich sind die Mediumfiller der Linie «Emotion» wie etwa die «Vintage-Sumatra» oder aber die «Bahia-Brasil». Im Sommer dürfen sich Schweizer Aficionados zudem auf die ebenfalls limitierte, in Kampen hergestellte Sonderserie «De Olifant 200 Years Kampen» freuen.

wellauer-tabak.ch

Das Erbe der niederländischen Zigarrenindustrie

Die Zigarrenfabrik der Familie van der Sluis in Kampen ist das letzte Übrigbleibsel der einst grossen niederländischen Zigarrenindustrie. Noch heute entstehen in dem historischen Gebäude jährlich an die 250000 Zigarren der Marke De Olifant. Die Produktion des Standardsortiments, aktuell sind das rund 3 Millionen Zigarren und Zigarillos, wurde inzwischen nach Sri Lanka ausgelagert. Seit vier Jahren ist De Olifant zudem Teil des belgischen Tabakunternehmens Vandermarliere Cigar Family, wobei die Familien Vandermarliere und van der Sluis eng verbunden bleiben. In Kampen entstehen heute die Sondereditionen von De Olifant, zudem fungiert Maaike van der Sluis als sympathische Zigarrenrollerin und Markenbotschafterin. Ein Besuch der historischen Sigarenfabriek De Olifant ist jedem Aficionado zu empfehlen. Sie ist per Zug aus Amsterdam kommend bequem zu erreichen. Eine Voranmeldung ist online buchbar und zwingend.

olifant.com