Big Smoke
Eine Hommage an den Genuss
Bringt seine eigenen Ideen in die Firma: Tony Gomez
In dem winzigen, fensterlosen Büro herrscht ein konstanter Lärmteppich: Es knattert und knallt in einem fort, dazu mischt sich Merengue-Musik sowie ab und zu ein spanischer Wortfetzen. Es ist der Sound, zu dem Zigarren entstehen: Pressplatten schlagen aneinander, scharfe Chavetas gleiten über die Schneidebretter, derweil Longfiller im Sekundentakt mit einem lauten Klack von Hand zugeschnitten werden.
Tony Gomez scheint das alles gar nicht mehr zu hören. Sein Arbeitsplatz grenzt direkt an die Galera, in der 100 Torcedores die Zigarren von La Flor Dominicana rollen. Der 38-Jährige ist eine imposante Erscheinung. Mit seinen zwei Metern Körpergrösse überragt er die allermeisten Dominikaner deutlich. Er trägt ein simples T-Shirt und Vollbart, unter der schwarzen Baseball-Kappe funkeln derweil wache Augen. «Bald ist Mittagszeit, wenn ihr die Produktion sehen wollt, müssen wir los», sagt er.
Gegründet wurde die Marke La Flor Dominicana 1994 von Tonys Vater Litto Gomez, einem ehemaligen Juwelier und Schnapshändler, sowie seiner damaligen Frau Ines. Tony Gomez wuchs mit zwei Brüdern in Florida auf. Nach dem College stieg er als 21-Jähriger in die Firma ein, die sich zu jenem Zeitpunkt längst zu einem bedeutenden Hersteller von Boutique-Zigarren gemausert hatte. «Drei Jahre lang verkaufte ich unsere Zigarren in Florida, putzte Klinken und lernte einen Haufen Leute kennen», sagt Gomez, während wir durch die Galera laufen. Übrigens: Auch die Produktionsstätte in der Freihandelszone von Tamboril hat eine bewegte Vergangenheit. Sie war früher ein Nachtclub, die Zigarren von La Flor Dominicana entstehen auf dem ehemaligen Dancefloor.
Vor 13 Jahren zog Gomez in die Dominikanische Republik. Der Kulturschock sei gar nicht so gross gewesen. «In Miami lebt eine grosse Latino-Gemeinschaft und auch dort kann keiner Auto fahren.» Ursprünglich wollte der passionierte Boxer Rockstar (Heavy Metal) werden, später interessierte er sich fürs Schreiben und Filmemachen. Der Wendepunkt kam, so Gomez, in einem «betrunkenen Moment der Klarheit» bei einer Beer-Pong-Party. «Ich realisierte, dass die meisten Menschen keine solche Chance bekommen. Ich musste es zumindest versuchen.»
Heute verantworten Vater und Sohn die Blends des Unternehmens gemeinsam. Die Zusammenarbeit funktioniere sehr gut, sagt Gomez. «Ich respektiere meinen Vater für eine Million Gründe, einer davon ist, dass er immer offen für meine Ideen gewesen ist.» Das will indes nicht heissen, dass sich die beiden immer einig sind. «Wir sind unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Vorstellungen. Insofern ist meine Handschrift etwas anders als seine. Nicht besser oder schlechter, aber anders.»
Neuland betrat Gomez 2022. Inspiriert von einem bekannten Graphic-Designer, der ein Non-Fungible Token (NFT), also einen Vermögenswert auf Blockchain-Basis, für einen hohen Millionenbetrag verkauft hatte, kreierte Gomez sieben eigene NFTs. Darin verbriefte er exklusive Kaufrechte an der Zigarrenlinie Golden Bull von bis zu 70 Zigarren pro Monat. «Es war ein grosses kapitalistisches Experiment», sagt er. «Der Markt bestimmt, was es wert ist.» Einige Händler ersteigerten das NFT und verlangen bis zu 200 Dollar pro Zigarre.
Stilbildend für sämtliche Zigarren von La Flor Dominicana sind die Tabake von den eigenen Feldern in La Canela, eine 45-Minuten-Autofahrt von Tamboril entfernt. «Etwa 70 Prozent dessen, was wir verwenden, stammt von unserer Farm», sagt Gomez. Das Klima dort sei heiss, trocken und sonnenintensiv, ideal für dichte Einlagetabake. «Die Böden sind sehr nährstoffreich. Der Tabak bekommt dadurch viel Charakter.» Bei den Deckblättern wird es anspruchsvoller. Zu viel Sonne schadet der gewünschten Seidigkeit. Darum ergänzen Tabake aus Brasilien, Nicaragua, Kamerun und Mexiko die Blends.
Rund 4,8 Millionen Zigarren beträgt die aktuelle Jahresproduktion von La Flor Dominicana, über 80 Prozent davon gehen in den US-amerikanischen Markt. «Wir sind eigentlich immer ausgebucht», so Gomez. Die Nachfrage übersteigt das Angebot seit Jahren, was zumindest in den USA zu konstanten Lieferengpässen führt. Eine markante Erhöhung der Produktion kommt dennoch nicht infrage. «Wachstum lässt sich nicht auf dem Reissbrett beschleunigen.» Tabak ist ein lebendiges Gut, er kann zum Beispiel verfaulen oder überfermentieren. Zudem hat eine Zigarrenmanufaktur eine Million bewegliche Teile, da kann immer etwas passieren. «Darum setzen wir seit drei Jahrzehnten auf eine behutsame Expansion.»
An erster Stelle steht dabei immer die Qualität. «Eine Zigarre ist etwas sehr Persönliches, sie ist mehr als die Summe ihrer Bestandteile, sie ist eine Geschichte», so Gomez. Zentral sei, dass man eine interessante Geschichte erzählt, mit der sich die Menschen identifizieren können. Am Ende des Tages gehe es darum, etwas Gutes, etwas Echtes zu schaffen. «Ich kenne den Geschmack meiner Kunden nicht, nur meinen eigenen. Also kann ich nur etwas erschaffen, das ich liebe – und dann hoffen, dass andere es ebenfalls mögen.»
Das Engagement der Familie Gomez reicht weit über die Schwelle der eigenen Zigarrenfabrik hinaus. Litto Gomez gehörte zu den Gründern von Cigar Rights of America. In einem langjährigen Rechtsstreit gelang es der Lobbyorganisation, weitreichende Regulierungen für die Zigarrenindustrie in den USA zu verhindern. Heute sitzt Tony Gomez im Vorstand von Cigar Rights of America. Dafür ist Litto Gomez mittlerweile Präsident des Pro Cigar Festival. «Viele Leute denken, Pro Cigar sei einfach nur das Festival, in seiner ursprünglichen Idee ist es aber auch eine politische Organisation», sagt Tony Gomez. Und so wurden auf Initiative von Litto Gomez Anfang dieses Jahres die ersten staatlich finanzierten Berufsschulen für Zigarrenroller eröffnet. Für ein Land, das Tabak zum nationalen Kulturgut erhoben hat, ist das ein folgerichtiger Schritt.
Das Rattern und Knattern in der Galera ebbt plötzlich ab. Der Rundgang ist zu Ende. Draussen wütet die dominikanische Mittagssonne, wir kommen an einem überdimensionierten Wandgemälde vorbei, das die Freiheitsstatue zeigt, mit Zigarre im Mund und einem Glas Rum in der Hand. Bevor wir uns verabschieden, zeigt uns Gomez noch den elegant polierten Humidor mit einer brandneuen Sonderedition zum 30-Jahr-Jubiläum. Gut möglich, dass auch ein paar Exemplare davon den Weg in die Schweiz finden.
Aktuell sind in der Schweiz 16 verschiedene Zigarrenlinien der Marke La Flor Dominicana erhältlich. Liebhabern von eher milden Longfillern empfiehlt sich die Linie Suave. Diese Zigarren entwickeln ein leichtes bis mittelkräftiges Aroma mit Noten von Sand, Holz, vegetalen Eindrücken, Vanille sowie einer unterschwelligen Süsse. Am anderen Ende des Spektrums finden Aficionados zum Beispiel die Capítulo 2 Chisel. Das markante, boxgepresste Double-Toro-Format zeigt üppige Aromen von Erde, Frucht, Gewürzen, Holz, Kaffee, Leder sowie Schokolade.