Mit Charme und Eleganz | Cigar Newsletter abonnieren
Verena Vollenweider Cigar 3/26 Verena Vollenweider

Mit Charme und Eleganz

Text: Tobias Hüberli – Fotos: Njazi Nivokazi
Verena Vollenweider ist die Grande Dame der Schweizer Zigarrenszene. Ihre Tabatière in Küsnacht bei Zürich ist legendär. Auch nach vierzig Jahren denkt sie nicht ans Aufhören – zum Glück.
2026.07.06 Cigar Küssnacht 65

Es ist unmöglich, mit Verena Vollenweider vor ihrem Laden in Küsnacht ein ungestörtes Gespräch zu führen. Auch nicht an einem Montag, wenn die Tabatière eigentlich geschlossen hat. In regelmässigen Abständen kommen Menschen vorbei, die entweder etwas kaufen oder sonst einfach nur einen kleinen Schwatz abhalten wollen. «Ich bin wirklich eine öffentliche Person hier», sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Seit vierzig Jahren führt die Zugerin nunmehr die Tabakfachhandlung direkt am Bahnhof von Küsnacht. Ursprünglich wollte sie Schaufensterdekorateurin werden, fand aber keine Lehrstelle. Und so begann sie 1973 eine Verkaufslehre im damaligen Fachgeschäft Tabakfass Nägeli beim Zürcher Stauffacher. Die Arbeit habe sie vom ersten Tag an fasziniert, so Vollenweider. «Wir hatten viele elegante Geschäftsherren als Kunden. Der Einkauf von Zigarren wurde noch regelrecht zelebriert.»

Auch ihre grosse Liebe, ein verrückter Werber, wie sie sagt, lernte sie im Laden kennen. «Ich musste in der Filiale beim Albisriederplatz aushelfen und er kaufte bei mir eine Kiste Montecristo No. 4.» Ein spannendes Leben hätten sie gemeinsam gehabt. Beide mochten schnelle Autos und schnittige Segeljachten. 1994 führte sie eine achtmonatige Weltreise erstmals nach Kuba. Vor acht Jahren verstarb ihr Partner. «Er fehlt mir sehr», sagt sie und verdrückt dabei eine Träne.

Zur Tabatière fand Verena Vollenweider durch Zufall. Tatsächlich existiert das Lokal seit über sechzig Jahren. «Als meine Vorgängerin, Frau Meier, aufhören wollte, packte ich die Gelegenheit beim Schopf. Mit dem Verkaufen von Zigarren kannte ich mich schliesslich aus.» Allerdings war die Tabatière damals eher ein Dorfladen, in dem auch Papeterieartikel und Lottoscheine erhältlich waren. «Ich wollte den Charakter des Ladens immer beibehalten und nicht ausschliesslich auf Zigarren setzen», so Vollenweider. Papeterieartikel verkauft sie inzwischen keine mehr, dafür eine tolle Auswahl an Edelspirituosen, Pfeifen, Accessoires und natürlich perfekt gelagerte Longfiller aus allen relevanten Herkunftsländern. «Zum Teil habe ich immer noch die gleichen Kunden wie dazumal, als ich angefangen habe», sagt sie.

Die Zeiten hätten sich indes geändert, nicht unbedingt zum Besseren, sagt Vollenweider unumwunden. Während in Küsnacht früher meist alteingesessene Familien wohnten, leben heute viele Expats an der Goldküste. «Die reisen viel und kaufen überall ein, eher selten bei mir.» Zudem fehle ihr das Know-how für den Onlinehandel. Unterkriegen lässt sich Vollenweider deshalb nicht. Zum Jubiläum hat sie ihren Webauftritt modernisiert und eine Standortbestimmung vorgenommen. «Ich will mich auf unsere Stärken als traditionelles Fachgeschäft konzentrieren, mit fundierten, wenngleich immer charmanten Beratungen, einem Pfeifenservice sowie Feuerzeugreparaturen.»

2026.07.06 Cigar Küssnacht 13
2026.07.06 Cigar Küssnacht 49

Seit über 50 Jahren sammelt Verena Vollenweider Benzinfeuerzeuge, etwa von Rothschild, Hermès oder Dunhill. «Viele kommen mit Feuerzeugen zu mir, wenn sie zum Beispiel eine Sammlung geerbt oder ein Exemplar auf dem Flohmarkt gekauft haben und dieses wieder in Gang setzen wollen.» Die Pfeifen ihrer Kunden poliert die Chefin noch persönlich. Sind grössere Reparaturen vonnöten, vermittelt sie den Kontakt zum Spezialisten. Ihre grösste Passion sei allerdings das braune Gold. «Es ist einfach faszinierend, dass man aus einem Tabaksamen ein so grossartiges Produkt herstellen kann.» Neben Kuba hat Vollenweider über die Jahre fast alle anderen Herkunftsländer von Premium-Zigarren besucht und dabei zahlreiche Kontakte geknüpft.

Den Hauptumsatz bringen in der Tabatière aber noch immer die kubanischen Zigarren. «Siebzig Prozent meiner Kunden rauchen ausschliesslich Havannas», so Vollenweider. Bereits ihre Vorgängerin habe ihr von Engpässen bei kubanischen Zigarren berichtet. Die heutige Situation sei aber aussergewöhnlich. «Durch die schlechte Verfügbarkeit und die hohen Preise habe ich Kunden verloren.» Die zahlreichen Neueröffnungen von La-Casa-del-Habano-Geschäften in der Schweiz sieht sie kritisch. «Es ist nicht richtig, dass wir Habanos-Spezialisten, die sich so lange für das Produkt eingesetzt haben, jetzt nur noch so wenig Ware bekommen.» Jammern will sie allerdings nicht. «Wir empfehlen unseren Kunden mittlerweile auch Longfiller aus der neuen Welt. Da gibt es ganz tolle Sachen.» Allerdings brauche es dafür viel Aufklärungsarbeit. «Früher haben wir Zigarren rausgegeben, heute müssen wir sie verkaufen.»

Neben ihrer Faszination für Zigarren sind es vor allem ihre Kunden, für die Verena Vollenweider brennt. Dass es sich dabei zum überwältigenden Teil um Männer handelt, stört sie keineswegs. «Herren sind unkompliziert», sagt sie lakonisch. Wobei eine ihrer schönsten Anekdoten von einer Kundin stammt. Diese sei in den Laden getreten, um ein Häufchen Pfeifentabak zu kaufen. «Sie wollte es auf den Grabstein des berühmten, in Küsnacht beerdigten Psychiaters C.G. Jung legen.»

Wie lange die Grande Dame der Schweizer Zigarrenszene noch weitermacht, weiss sie selbst nicht. «Am liebsten zehn Jahre.» Sie freue sich jeden Tag, hierherzukommen, auf die Begegnungen und die tollen Gespräche. Und ihre Kunden wissen haargenau: Wenn der rote Alfa Romeo auf dem Parkplatz steht, ist sie da. «Während meiner Ferien habe ich das Auto auch schon mal extra vor den Laden gestellt, damit die Kunden trotzdem in den Laden gehen», sagt sie und lacht.

Etwas ruhiger geht es Verena Vollenweider mittlerweile trotzdem an. «Jeweils am Dienstag führen meine beiden tollen Mitarbeiterinnen das Geschäft.» Und einmal pro Jahr verreist sie für einen Monat nach Bali. Zum Jubiläum hat sie sich übrigens selbst beschenkt, mit einem Aston Martin im stilechten Racing Green. «Der Wagen wurde 1959 gebaut, das ist auch mein Jahrgang und zudem das Jahr der kubanischen Revolution.» Das passe, schliesslich sei sie selbst eine kleine Revoluzzerin.

Vom Dorfladen zur Institution

In der Zigarrenfachhandlung Tabatière am Bahnhof von Küsnacht werden seit über sechzig Jahren Zigarren verkauft. Seit vier Jahrzehnten empfängt und berät Verena Vollenweider hier ihre Kunden. Neben sorgsam gepflegten Zigarren, Spirituosen, Pfeifen und Accessoires ist das Lokal auch für stilsicher gestaltete Schaufenster sowie die ewige Flamme, gleich links beim Eingang, bekannt. Wer sicher sein will, dass die Chefin anwesend ist, sollte nach einem roten Alfa Romeo auf dem Parkplatz Ausschau halten.

tabatiere-kuesnacht.ch