Big Smoke
Eine Hommage an den Genuss
Als Jean-Charles Rios 14 Jahre alt war, nahm er an einem Ringkampf ausserhalb von Genf teil. Das gesamte Publikum, rund 250 Personen, unterstützte seinen Kontrahenten und schrie dem Buben lautstark zahlreiche Beleidigungen ins Gesicht. «Mein Trainer sagte mir damals: Kümmere dich nicht darum, das ist Werbung für dich», erinnert sich Rios. Sicher ist: Die Erfahrung wappnete den Stadtgenfer für das, was ihm in seiner beruflichen Karriere oft widerfahren würde: heftiger Gegenwind.
Seit vier Jahrzehnten handelt der 60-Jährige mit Zigarren. Der punkmusikliebende Nonkonformist gehört zu den Pionieren des Onlinehandels, seine erste Webseite lancierte er 1997. Die Anfänge seien schwer gewesen. «Viele Importeure wollten mich nicht beliefern, weil sie fanden, ich würde das Produkt entwerten», erinnert sich Rios. Diese Generation sei längst pensioniert, und spätestens seit der Covid-19-Pandemie sei der Onlinehandel von Zigarren komplett akzeptiert.
Allerdings ist auch das stationäre Geschäft an der Rue Robert-Céard 8 ein wichtiger Pfeiler der Firma Gestocigars. «Viele Kunden wollen ihre Zigarren im Humidor selbst aussuchen, manche bleiben fast eine halbe Stunde, bis sie sich entscheiden können», so Rios. Um Erfolg zu haben, brauche es beides.
Nun wird der Zigarrenhandel in der Westschweiz mit noch etwas härteren Bandagen geführt als in der Deutschschweiz. Mit seiner Preispolitik machte sich Rios über die Jahre nicht nur Freunde. «Rabatte sind Teil meines Geschäfts, zudem herrscht Marktfreiheit, ich habe das Recht dazu», so Rios. Wichtig sei aber auch, dass man mit den Lieferanten darüber rede und gemeinsam eine gute Lösung finde.
«Vieles hat sich in den letzten Jahren entwickelt», so Rios. Einerseits hätten kubanische Zigarren die Preiskategorie gewechselt und sind mittlerweile oft ausserhalb der Reichweite von gewöhnlichen Sterblichen, andererseits hätten Longfiller aus Ländern wie Nicaragua, Honduras oder der Dominikanischen Republik enorme Fortschritte gemacht. «In den Achtzigerjahren waren Zigarren aus der Dominikanischen Republik in der Schweiz praktisch unverkäuflich. Heute sind die Unterschiede, etwa zu Kuba, sehr klein geworden.»
Unter dem Label Overrun bietet Rios seinen Kunden seit 2015 Premiumzigarren ohne Banderole zu tiefen Preisen an (siehe auch Tasting-Seite 81). Die Blends stammen aus Fabriken in Costa Rica, Nicaragua und der Dominikanischen Republik. «Es hat eine Weile gedauert, bis die Kunden das Konzept verstanden haben: ein Direktimport ohne Zwischenhändler und ohne Werbekosten, der es ermöglicht, unschlagbare Preise anzubieten», so Rios. Mittlerweile führt er 45 Artikel aus vier unterschiedlichen Manufakturen. Gerade für preisbewusste Geniesser seien die Overrun-Zigarren eine beliebte Alternative.
In die Zukunft blickt Rios optimistisch. Seine Lager sind gut gefüllt, die Mitarbeiter seit Langem mit Elan dabei. Die nächsten Jahre will er indes ein bisschen lockerer angehen. «Seit ich 60 Jahre alt bin, arbeite ich nicht mehr an den Sonntagen», sagt er. Ans Aufhören verschwendet er aber keinen Gedanken. «Ich bleibe aktiv, solange mir Zigarren besser schmecken als Ferien.»
Im begehbaren Humidor der Fachhandlung Gestocigars in Genf treffen Aficionados auf ein breitgefächertes Zigarrensortiment, das auch online bestellt werden kann.
Gestocigars SA
Rue Robert-Céard 8
1204 Genève
022 312 10 80
gestocigars.ch