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Caminovation Cigar 1/26 Caminovation

Projekt mit grosser Wirkung

Text: Tobias Hüberli – Fotos: Njazi Nivokazi
Hauptberuflich hilft Sandro Gerber Unternehmen, die sich entwickeln wollen oder in Schwierigkeiten geraten sind. Nebenher organisiert der Präsident des Caminovation Club eine kleine, aber feine Zigarrenproduktion.
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Das 2022 geschlossene Restaurant Camino im Zürcher Kreis Cheib war ein legendärer Ort. Die mit 13 Gault-Millau-Punkten bewertete, gutbürgerliche, leicht italienisch angehauchte Küche lockte Feinschmecker und Geschäftsleute gleichermassen. So pflegte etwa der FCZ-Mäzen Sven Hotz samt Entourage gerne im heimeligen Lokal zu speisen. Auch Zigarren-Aficionados fanden in einem Hinterzimmer des Camino Zuflucht, in geschlossener Gesellschaft abseits des regulären Betriebs. «Jahrelang trafen sich dort einmal pro Monat eine Handvoll Leute auf ein ausgedehntes Mittagessen mit anschliessender Zigarre», erzählt Sandro Gerber.

2016 entstand daraus ein Club, den die Gründer in Reminiszenz an die zahlreichen innovativen Gespräche Caminovation tauften. Wobei die Bezeichnung Club im offiziellen Sinn ein bisschen zu hoch gegriffen ist. Zwar hat der Verein interne Statuten, aber keinen Vorstand. Dafür unterstützen sieben Botschafter den Präsidenten. «Es ist ein selektives, hochwertig organisiertes Netzwerk», sagt Sandro Gerber. Alle organisatorischen Fäden laufen bei ihm zusammen: Der mittlerweile in Zürich assimilierte Thurgauer kümmert sich um alles, auch um die eigenen Zigarren, aber der Reihe nach.

Seine Karriere startete Sandro Gerber in der Telekommunikationsbranche, unter anderem arbeitete er für die Swisscom sowie für Cablecom in verschiedenen Führungspositionen. Ab 2009 leitete der 57-Jährige den Schweizer Ableger der Firma Teleperformance, eines internationalen Unternehmens mit insgesamt 170000 Mitarbeitenden. «Die hatten damals gerade vier Firmen in der Schweiz gekauft und suchten jemanden, der alles zusammenführt und weiterentwickelt.» 2013 stieg er beim weltgrössten Schadensanierer Belfor ein und leitete einen Teil des Europageschäfts.

Seit 2020 führt Sandro Gerber eine eigene Beratungsboutique für anspruchsvolle Transformations-, Restrukturierungs- und Interim-Mandate auf CEO-Level. «Meine Haupttätigkeit ist es, Firmen in anspruchsvollen Situationen interimsmässig zu führen.» Das seien immer Jobs, die einem brutal viel abverlangen. Je nach Auftrag müsse eine Firma stabilisiert, verschiedene Abteilungen zusammengeführt oder gar verkauft werden. «Zentral dabei ist immer das Menschliche.» Meistens erfahren die Mitarbeiter erst am Montag, wenn sie ins Büro kommen, dass sie einen neuen Chef auf Zeit haben. «Die Belegschaft muss mir glauben, dass ich persönlich daran interessiert bin, der Firma zu helfen.»

Die Branche, in der Sandro Gerbers Kunden tätig sind, spielt dabei gar keine so grosse Rolle. Was es hingegen brauche, ist möglichst viel Erfahrung in verschiedenen Bereichen. «Man muss nicht nur Zahlen schnell verstehen und interpretieren können, sondern zum Beispiel auch wissen, wie man in unterschiedlich grossen Unternehmen die Logistik umstellt, eine zentrale Software implementiert oder ganze Abteilungen zusammenführt.» In der Regel würden die Probleme bei solchen Projekten geradezu auf einen herunterprasseln, gleichzeitig müsse man betriebswirtschaftlich auf Flughöhe sein. Kein Wunder, raucht der Mann Zigarren.

Trotzdem war Sandro Gerber skeptisch, als einige Mitglieder von Caminovation 2016 die Idee einer eigenen Zigarre formulierten. Zuerst nur halbherzig machte er sich an das Projekt. Die erste Clubzigarre, eine Labelzigarre einer bekannten Marke, stiess bei den Mitgliedern auf wenig Begeisterung. Danach habe es ihn gepackt. «Ich sagte mir, wenn wir schon etwas machen, dann soll es im Produktionsland eine echte wirtschaftliche Wirkung entfalten.»

Bei der Suche nach einem Hersteller ging Sandro Gerber strategisch vor. Nach einer profunden Länderevaluation, die neben Bodenbeschaffenheit und Infrastruktur auch die politische Stabilität einbezog, entschied er, die Clubzigarre von Caminovation in der Dominikanischen Republik fertigen zu lassen. Etwa dreissig Herstellern erzählte er anschliessend seine Geschichte und fragte, ob einer bereit wäre, Zigarren mit einem eigenständigen Blend für hundert Kisten, also eine Charge von total 2000 Stück, für ihn zu rollen. Die meisten beschieden ihm, dass sie unter einer Menge von 10000 Zigarren gar nicht erst weiterzureden brauchten.

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Letztlich einigte sich Sandro Gerber mit dem ausgewanderten Kanadier Glen Hamilton. Dieser führte in Puerto Plata eine Zigarrenlounge sowie eine kleine Zigarrenproduktion und war von der Idee des Schweizers, eine Clubzigarre zu kreieren, begeistert.

«Wir haben uns nicht nur gut verstanden, auch das gegenseitige Vertrauen war da, und von Anfang an haben wir ausgemacht, dass sich Caminovation am Wachstumskurs des Unternehmens beteiligt», so Sandro Gerber. Mit 250 Testzigarren kehrte er daraufhin in die Schweiz zurück und lud die Clubmitglieder zum fröhlichen Proberauchen. Am Ende stachen zwei unterschiedliche Blends heraus, also entschloss man sich kurzerhand, zwei Formate (Toro und Gran Toro) mit unterschiedlichen Blends unter dem Namen Caminovación herzustellen. 2020 kam die Charge von insgesamt 4000 Zigarren in der Schweiz an.

Ab diesem Zeitpunkt hatte es Sandro Gerber den Ärmel komplett reingerissen. Noch im gleichen Jahr produzierte er mit Glen Hamilton ein Salomones-Format. «Das war anspruchsvoll, wir hatten weder die passenden Pressplatten noch Roller, die fähig waren, ein derart kompliziertes Format herzustellen.» Nebenher entwickelte er zudem handgemachte Zigarrenkisten, die sich mit einem Handgriff in einen Tischhumidor umfunktionieren lassen. Wichtig sei ihm dabei immer, dass die gesamte Wertschöpfung in der Dominikanischen Republik passiert, sagt er.

Seither entstanden bei den Treffen zwischen Glen Hamilton und Sandro Gerber jedes Jahr Ideen für neue Zigarren, zuerst ein Churchill-Format, gefolgt von einer Gran-Pyramide-, einer Short-Robusto- sowie einer Gordo-Zigarre. Bis 2027 soll das Sortiment von Caminovación aus 14 verschiedenen Formaten und Blends bestehen, allesamt hergestellt aus mindestens fünf Jahre gereiften Tabaken.

Erhältlich sind die Zigarren über die Webseite von Caminovation sowie bei befreundeten Lounges oder Fachhändlern, etwa im Don Alejandros in Dietlikon oder im Il Salotto in Winterthur. «Wir verstehen uns nicht als Händler, sondern als Produzent mit Haltung, das Ganze ist ein Leidenschaftsprojekt.»

Die aktuelle Jahresproduktion von zwischen 15000 und 20000 Zigarren steuert Sandro Gerber in abgestimmten Produktionszyklen mit präziser Blend-Dokumentation sowie einer strikten Qualitätskontrolle. «Es ist die grösste Excel-Tabelle meines Lebens», sagt er mit einem Lächeln.

Unglücklicherweise ist Glen Hamilton im Oktober 2025 verstorben. Mit seinem jüngsten Sohn Sander stand zwar ein fähiger Nachfolger bereit, aber die Regelung mit den übrigen Erben und ehemaligen Partnern gestaltete sich kompliziert. Und so kam Sandro Gerber sogar in der Karibik unverhofft zu einem neuen Kunden. Nicht als externer Investor, sondern als Partner mit Vision. Es dauerte eine Weile, bis der geübte Troubleshooter die Situation mit allen Beteiligten aussortiert und zusammen mit Sander ein neues Unternehmen auf die Spur gebracht hatte.

«Meine Vision ist, dass wir in der Dominikanischen Republik eine stabile, ehrliche, gut laufende und qualitativ kompromisslose Manufaktur haben, die bewusst nicht in die industrielle Skalierung geht – sondern in Richtung Identität – und die wir gemeinsam weiterentwickeln», sagt Sandro Gerber.

Vom Club zur Zigarre

Der Zigarrenclub Caminovation wurde 2016 in Zürich gegründet. Neben dem gemeinsamen Genuss edler Zigarren nutzen die zurzeit 70 Mitglieder die regelmässigen Clubanlässe auch zur Netzwerkpflege. Seit 2020 produziert der Club in der Dominikanischen Republik in einer eigenen Fabrik handgerollte Premiumzigarren. Die Longfiller der Marke Caminovación bestehen allesamt aus mindestens fünf Jahre gereiften Tabaken und sind aktuell in 13 Formaten und ebenso vielen Blends erhältlich.

caminovation.com