cigar | Der mit dem Feuer spielt
Aus Cigar 4/2018
Santhori

Der mit dem Feuer spielt

Der Bad Zurzacher Künstler Santhori pinselt Christus eine Zigarre in den Mund und lässt Bilder so gross wie Kinoleinwände in Flammen aufgehen. Ein Porträt in drei Anekdoten.

Text: Delia Bachmann
Fotos: Jürg Waldmeier

Wer auf der Landstrasse von Rekingen nach Bad Zurzach fährt, sieht bald einmal Rot, Grün, Blau und Gelb. Die Flecken fügen sich zu Flächen und schliesslich zu jenem falschen Blechpolizisten zusammen, mit dem Santhori vor rund drei Jahren den Blitzkasten auf dem Zürcher Walcheplatz verhüllt und so kurzfristig ausser Betrieb gesetzt hatte. Heute verunsichert die Attrappe die Autofahrer und lotst Besucher zum Atelier. Im einstigen Kindergarten wissen die Augen erst einmal nicht, wohin sie blicken sollen. Da sind die Bilder an den Wänden. Fantasieköpfe, hauptsächlich. Mit dicken Zigarren und noch dickeren Lippen. Dazu Augen, nackte Frauen und Schachbrettmuster. Da sind Acrylfarben, Pinsel und eine angefangene Kopfskulptur auf dem Tisch – ein Exponat für die Ausstellung im Shanghai Himalayas Museum nächsten Herbst. Am Boden ein grüner Golfteppich zum Putten, während die Farbe trocknet. Da ist der Tisch, an dem Santhori Zigarren raucht und wartet, bis es im Kopf zu rattern und er zu skizzieren beginnt.

Und da ist Santhori selbst, der eigentlich Thomas Riederer heisst. Der 69-Jährige sieht jünger und auch eine Spur schlanker aus als auf seinem Selbstporträt, das ihn mit Halbglatze, Pelzmantel und ernstem Gesicht zeigt: «Ich habe das mal präventiv gemalt. Man weiss ja nie beim Lebenswandel der Künstler.» Tatsächlich gibt man es ihm nicht, dass er als Jugendlicher die RS vorzog, um als Kunstturner durchzustarten. Wobei die beiden Kapitel früh zu Ende gingen: Erfrierungen an Händen und Füssen machten ihn zum Militärinvaliden. Erzählt Santhori wie hier aus seinem Leben, wählt er fast immer die Form der Anekdote.

Mit 18 Jahren und 80 Franken im Sack beschloss ich, in die Ferien zu gehen. Ich kam bis nach Lindau am Bodensee, wo ich mit meiner Zeichnungsmappe im Restaurant zur Fischerin sass, als der Wirt fragte, ob ich Künstler sei. Ein bisschen lügen darf man ja. Jedenfalls schlug er vor, dass ich in 14 Tagen an einer Ausstellung mitmache. Damit das Geld reicht, schlief ich in einer alten Fabrik mit Ratten. Am grossen Tag spielte eine Blasmusik Märsche und ein gut situierter Herr kam elegant im Burberrymantel daher, schaute sich um und fragte nach einem Stift. Zuerst dachte ich, der will noch etwas an meinen Bildern korrigieren. Er aber ging zu jedem Preisschild hin und hängte eine Null dran. Dann sagte er: «Das für 750 D-Mark nehme ich.» Ich kam mit 3300 D-Mark nach Hause, das werde ich nie vergessen. Mein Vater hätte das Geld am liebsten gleich angelegt, aber ich wollte davon nichts wissen und reservierte drei Plätze in der Kronenhalle.


Santhori wuchs in Zürich Wipkingen auf, erzkatholisch. Die Familie gehörte zur Fokolarbewegung, er selbst war Ministrant, bis er das Weihrauchfass für eine Wette um einen Fünfliber im Kreis über den Kopf schwenkte. Nach der Schule begann er eine Lehre als Kürschner in einem Pelzmodengeschäft. Danach lernte er Holzbildhauer und machte Stages bei Künstlern wie Fred Kuhn oder Beat Kohlbrenner. Wenn der Künstlerlohn nicht reichte, arbeitete er zusätzlich als Dachdecker, Chauffeur oder Skilehrer. Zwei Jahre lang lebte er mit seiner Familie auf einer Motorsegelyacht im Mittelmeer. Santhori erzählt mit tiefer Stimme, zieht Wörter und Pausen an den richtigen Stellen in die Länge. Die Geschichten gehen ihm auch dann nicht aus, als die Glut seiner Faces Torpedo (siehe Box) längst erloschen ist. Er will sein Gegenüber unterhalten. Selbst dann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt. So hat seine Bilderserie «Take a break», in der in den Nullerjahren die Zigarre die Hauptrolle spielte, einen ernsteren Hintergrund.

Ich habe sie alle zum Rauchen gebracht: Albert Einstein, Zino Davidoff, Mark Twain, das Christuskind oder Jesus am Kreuz, der im Badezimmer meiner Frau hängt. Ein Journalist warf mir damals Blasphemie vor. Aber ich bin mir sicher: Jesus hätte zum Schluss eine Zigarre geraucht, wenn es die damals gegeben hätte. Und ein Abendmahl muss man als Künstler einmal gemalt haben. Das ist wie bei einem Jazzmusiker, derirgendwann doch eine Ballade schreibt. Jedenfalls habe ich mit dem da oben kein Problem, nur mit dem Bodenpersonal. Auch ich erlebte als Kind, dass einem die jungen Patres an die Oberschenkel langten und sagten: «Ja, bist ein guter Bub.» Sobald unsere Kinder getauft waren, sind wir aus dem Verein ausgetreten.

Keine Frage, Santhori provoziert gerne. Mit dem Feuer spielt der Künstler aber nicht nur im übertragenen Sinn: «Ich war schon immer pyromanisch veranlagt.» So ist der dreifache Vater und vierfache Grossvater nicht nur Maler, sondern auch Aktionskünstler geworden. Grossformatige Bilder von bis zu 200 Quadratmetern sind das Herzstück seiner Performances, die durch ein Feuerbild an der Rückseite in Flammen aufgehen. Dazu Musik, Feuerwerk oder Tanz. Nicht immer läuft dabei alles nach Plan: «Neulich machte ich eine kleine Performance für einen Freund. Wegen eines falsch eingesteckten Kabels flog uns das Ding um die Ohren, ich höre jetzt noch ein Pfeifen.» Und manchmal ist es zu Ende, bevor es angefangen hat.

1994 sollte ich für den Brückenschlag Deutschland–Schweiz eine Performance über dem Rhein machen. Weil das Verbrennen der Bilder als Bilderverbrennung angekündigt war, hiess es, ich verherrliche das Nazitum. Also brachen wir die Übung ab. Ein Jahr später gaben wir das Projekt als Bildtransformation ein und jene, die uns verheizt hatten, waren begeistert. Was mich reizt, ist das Vergängliche. Jeder sieht anders, nimmt die Musik anders wahr, und am Schluss ist da nur noch eine Erinnerung.

www.santhori.com

Bunte Banderolen
Fünf rauchende Fantasieköpfe in den typischen Santhori-Farben Grün, Gelb, Rot und Blau zieren die Bauchbinden der Zigarrenlinie Faces, die Thomas Wettstein 2003 lancierte. Die Einlage der milden Longfiller aus den Philippinen besteht je zur Hälfte aus Isabella- und Bailontabak. Umhüllt wird sie von einem Isabella-Umblatt sowie einem Connecticut-Shade-Deckblatt. Erhältlich ist die Zigarre in den Formaten Torpedo, Churchill, Corona, Panatela, Robusto und Petit Robusto.
www.facescigar.ch

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