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Aus Cigar 3/23
Champagner

IN DER ZEIT LIEGT DIE KRAFT

Champagner und andere nach traditioneller Methode hergestellte Schaumweine sind stark im Kommen. Doch welche Zigarren passen wirklich dazu? Eine Anleitung.

Text: Tobias HĂŒberli
Fotos: JĂŒrg Waldmeier

Champagner geht immer, lautet ein geflĂŒgeltes Wort. Und tatsĂ€chlich passen nach traditioneller Methode hergestellte Schaumweine zu sehr vielem: Schokolade, Kaviar, einem feinen Gericht oder handgemachten Zigarren. Ganz so einfach ist es dann aber auch wieder nicht. Die Welt der Champagner, Sekte und CrĂ©mants ist riesig, und die richtige Wahl Voraussetzung fĂŒr ein genussvolles Beieinander.

Ein idealer Ort, um herauszufinden, welche Schaumweine und Zigarren zusammenpassen, ist das Restaurant Wunderbrunnen in Opfikon. Besitzer Roger Hirzel investiert seit 30 Jahren in seinen Weinkeller, der mittlerweile zu den grössten des Landes zÀhlt. Die Weinkarte des mit 14 Gault-Millau-Punkten bewerteten Lokals besteht aus fast 5500 Positionen und einer beeindruckenden Auswahl an Vintage- und Non-Vintage-Champagnern.

Nicht selten reisen etwa Sommeliers und SommeliĂšren aus französischen SpitzenhĂ€usern in die ZĂŒrcher Agglomeration, weil sie im Wunderbrunnen RaritĂ€ten finden (und bezahlen können), die es in ganz Frankreich lĂ€ngst nicht mehr zu kaufen gibt. Im Untergeschoss – gleich neben dem Weinkeller – lĂ€dt zudem eine gerĂ€umige Raucherlounge zum Verweilen ein. Die Zigarrensammlung ist gleichsam beeindruckend, mit einer riesigen Auswahl an gut gelagerten Longfillern.

Mit dem spanischen Sommelier Juan Biedma wirkt im Wunderbrunnen darĂŒber hinaus ein ausgewiesener Fachmann, der sich auch mit Zigarren auskennt und die GĂ€ste entsprechend beraten kann. «Zigarren und Champagner sind grundsĂ€tzlich eine wunderbare Kombination, allerdings ist auch Vorsicht geboten», so der 48-JĂ€hrige. So reinige ein junger, spritziger Champagner zwar die Zunge bei jedem Schluck, wĂ€hle man dazu aber eine ebenfalls junge Zigarre, werde es kompliziert. «Der hohe Nikotingehalt des Longfillers vertrĂ€gt sich nicht mit der MineralitĂ€t des Weins.»

Dem pflichtet Hirzel, seines Zeichens ebenfalls ausgebildeter Sommelier, bei. Das Perlende des Champagners sei fĂŒr die Zigarre eigentlich der Tod. «Der Königsweg ist die Kombination einer gelagerten Zigarre und eines gereiften Schaumweins», so Hirzel. Je lĂ€nger ein Champagner oder CrĂ©mant im Keller liegt, desto opulenter und komplexer wird er. Dann zeigen sich oft Aromen von Hefe und Brioche, dazu verliert er an KohlensĂ€ure, was ihn vollmundiger macht und darunter liegende Noten, etwa von gereiften FrĂŒchten, stĂ€rker hervortreten lĂ€sst. Bei den Zigarren ist es bekanntermassen Ă€hnlich. Mit den Jahren senken Mikroorganismen den Nikotingehalt. Die einzelnen TabakblĂ€tter vermĂ€hlen sich und stiften der Zigarren ein zwar weniger krĂ€ftiges, aber dennoch volles, sehr harmonisches Aroma. Die Probe aufs Exempel machen wir mit drei Champagnern und einem Schweizer CrĂ©mant aus der BĂŒndner Herrschaft.

Die richtige Zigarre für den jungen Schweizer ist schwierig zu finden.
Gebändigte Kraft trifft auf gereifte Eleganz.
Der Königsweg im Kombinieren von Champagner mit Zigarren lautet: Alt zu alt.

Der Champagner Agrapart & Fils Extra Brut 2000 ist mittlerweile eine gesuchte RaritĂ€t. Der 23 Jahre alte Schaumwein zeigt ein wunderbares Bouquet mit nussigen Noten, dazu Vanille, GebĂ€ck und Brioche. Am Gaumen ist er frisch, aber nicht spritzig. «Ein reiner Chardonnay, vom Alter geprĂ€gt, mit schönen Aromen von Bratapfel», so Biedma. Dazu prĂ€sentiert Hirzel eine Avo Limited Edition 2008, eingepackt in ein in die Jahre gekommenes, gelbliches Zellophan. «Die Zigarre war bei der Lancierung ein Flop, quasi unrauchbar», erinnert sich Sam Reuter, damals verantwortlich fĂŒr die Marke Avo, auf Nachfrage. «Sie war durchzogen mit grasigen Aromen, niemand mochte sie.»

Über eine Dekade spĂ€ter zeigt sich einmal mehr, was die Zeit mit einer Zigarre anstellen kann. Die Avo ist von Beginn weg cremig, erstaunlich frisch, mit gut eingebundenen Holz- und Pfeffernoten, dazu zeigen sich tolle Röstaromen. Von grasigen Tönen keine Spur, dafĂŒr passt die Avo wunderbar zu den reifen Aromen des Agraparts.

Weiter gehts mit dem einheimischen Erzeugnis, dem RosĂ©-CrĂ©mant 2021 des BĂŒndner Starwinzers Martin Donatsch. In der Nase manifestieren sich feine RosenblĂ€tter, Zwetschgen und Hefenoten. Im Gaumen dominieren derweil Pflaume und Kirsche. «Ein junger CrĂ©mant mit feiner Perlage, gut ausbalancierter SĂ€ure und einem langen Abgang», so Biedma. Hier zeigt sich indes die Schwierigkeit, die ein frischer Schaumwein im Pairing bereiten kann. Keine der degustierten Zigarren wollte so richtig passen. Am Schluss fiel die Wahl auf eine zwar ebenfalls junge Montecristo Eagle (Boxing Date: 2021), die aber von Natur her wenig Körper, dafĂŒr nussige Aromen mitbringt.

Der Champagner Fleur de Miraval ER 2 lag drei Jahre auf der Hefe. Es handelt sich dabei um den einzigen RosĂ©-Champagner aus der berĂŒhmten Gemeinde Le Mesnil-sur-Oger, in der auch Hersteller wie Krug ihren besten Chardonnay kultivieren. Die Assemblage besteht aus drei Grand-Cru-Chardonnays (75 Prozent), denen fruchtiger SaignĂ©e von Pinot noir zugefĂŒgt wird. «Elegante Noten von Himbeeren, spritzig, von sehr hoher QualitĂ€t», urteilt Biedma. Dazu passt die Davidoff Magnificos Puro d’Oro, ein legendĂ€rer dominikanischer Puro, der 2010 lanciert und mittlerweile (zum grossen Bedauern vieler) nicht mehr produziert wird. Die Zigarre ist erstaunlich prĂ€sent fĂŒr ihr Alter, vollmundig, mit schönen Waldaromen. Im Zusammenspiel kommen Longfiller wie Champagner harmonisch gleichsam zur Geltung, so sollte es sein.

Das letzte (gelungene) Pairing bilden ein Lanson 2009 sowie eine fĂŒnf Jahre alte Montecristo No 4. 2009 war ein heisser, aber guter Jahrgang, und das merkt man dem Champagner an. «Er ist sehr opulent, mit gut eingebundener SĂ€ure, schönen Noten von GebĂ€ck, Bratapfel sowie Brioche, dazu kommt ein langer Abgang», so Biedma. Auch der Montecristo hat die Reifelagerung gutgetan. Ihre Kraft ist zwar gebĂ€ndigt, aber noch immer prĂ€sent. Im Rauchverlauf entwickelt das schlanke Format reife Ledertöne sowie florale Noten. Zu- sammen mit dem Lanson kommt das richtig gut.

Fazit: Gereifte Zigarren haben in der Regel eine geeignete aromatische Breite, um mit traditionell hergestellten Schaumweinen zu harmonieren. Und auch die Faustregel «alt zu alt» hat in diesem Tasting bestens funktioniert. «Bei einem jĂŒngeren Champagner empfehle ich, ein grösseres Glas zu wĂ€hlen, so verflĂŒchtigt sich die Perlage besser und lĂ€sst der Zigarre Raum, sich zu entfalten», so Biedma. Sicher ist: Wer sich persönlich mit dem Thema befassen möchte, findet im Restaurant Wunderbrunnen alles, was er dazu braucht.

Restaurant Wunderbrunnen
Dorfstrasse 36
8152 Opfikon
044 810 24 24
wunderbrunnen-opfikon.ch

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