ï»ż cigar | Porsche Marke E-igenbau
Aus Cigar 1/2015
Auf Achse

Porsche Marke E-igenbau

Silvia und Till Marton modelten ihr Sport- zum Elektroauto um. Den Widerspruch von Ökogedanken und schnellen Flitzern sehen sie nicht. Im Gegenteil: Der wohl erste selbst umgebaute E-Porsche der Schweiz fahre sich sogar besonders sportlich.

Text: Sarah Kohler
Fotos: Marcel Studer / z. V. g.

Manchmal, wenn sie mit ihrem Unikat auf der Strasse unter­wegs sind, können sie es selbst kaum glauben – zwi­schenzeitlich hat ernsthafter Zweifel an ihrer Zuversicht genagt. Und doch zie­hen Silvia und Till Marton nun, nach den ersten 1500 gefahrenen Kilome­tern, ein durchwegs positives Fazit. «Wir tasten uns noch an die angestrebte Leistung heran», sagt Silvia Marton. «Aber es macht bereits Spass; das Auto fĂ€hrt sich sehr sportlich.» Ihr Mann ist nicht minder begeistert: «Wunderbar in den Kurven», attestiert er dem Wagen. Und: «Klar hat sich der Sound verĂ€n­dert. Seit die MotorengerĂ€usche wegfal­len, hören wir einfach andere GerĂ€u­sche, zum Beispiel das Rasseln des Getriebes – still ist es jedenfalls nicht.» Das Paar hat einen Porsche 968 zum Elektroauto umgebaut.

Geht das ĂŒberhaupt? Es ist diese Fra­ge, die anfangs im Raum steht und sich als verlĂ€sslicher Ansporn entpuppt, als sich das Projekt plötzlich ĂŒber Jahre hinzieht. Erst nach dem zweiten Anlauf wird klar sein: Es geht tatsĂ€chlich. So weit, so gut. Aber warum verwandelt man einen schicken Flitzer in ein spar­sames Elektromobil? Die Martons sehen den Widerspruch, den man hier veror­ten mag, nicht. Im Gegenteil: «Der Elek­tromotor ist dem Benzinmotor von der Sportlichkeit her ĂŒberlegen», sagt Till Marton und erklĂ€rt: «Er stellt von Anfang an das volle Drehmoment zur Ver­fĂŒgung, zeigt von der ersten Umdrehung an seine ganze Kraft. Damit ist er fĂŒr einen Sportwagen prĂ€destiniert.» Das ist den beiden unbestritten wichtig: Die Liebe zu (schnellen) Autos verbindet das Paar. FĂŒr die Entscheidung, eine Elek­trovariante zu bauen, haben sie anfangs aber verschiedene GrĂŒnde. Bei der Dok­torandin der Agrarwissenschaften steht der Ökogedanke im Zentrum. FĂŒr den Informatiker sind besonders die techni­schen Finessen des Projekts reizvoll.

Harziger Start
Die Martons blĂ€ttern in einem prall ge­fĂŒllten Heftordner, in dem die Dokumen­te, die sich auf der Odyssee zum E­-Por­sche angesammelt haben, fein sĂ€uberlich abgelegt sind. Sie erinnern sich. «Eigentlich», erzĂ€hlt Silvia Mar­ton, «wollten wir das Auto verkaufen.» Doch fĂŒr das Vier-Zylinder-­Modell, das böse Zungen «Hausfrauen­-Porsche» schimpfen, findet sich kaum ein KĂ€ufer, und als sich dann einer meldet, merkt das Paar, dass es den Wagen doch nicht hergeben mag. Also behalten – und in etwas Neues verwandeln. «Damals gabs auf dem Markt nur den Tesla Roadster, limitiert und rund 140 000 Franken teuer, sonst existierte kein sportliches E-Modell», sagt Till Marton. «Wir dachten, wir könnten das gĂŒnstiger machen.» Der Gedanke daran sorgt bei den 32­-JĂ€hrigen heute fĂŒr GelĂ€chter.

Die AnfĂ€nge sind harzig; die Suche nach einem Automechaniker, der das Vorhaben umsetzt, gestaltet sich schwie­rig. «FĂŒr die Garagen, die sich mit dem Umbau auf Elektromotoren auskann­ten, war unser Auto zu sportlich, fĂŒr klassische Tuningpros war das Projekt zu öko», erzĂ€hlt Silvia Marton. Schliess­lich gelangt das Paar an einen Autobau­er in Hessen, der sich der Idee anneh­men will. Sie schrĂ€nzen die Eingeweide ihres 968ers heraus, bestellen weltweit Teile und bringen das Ganze im MĂ€rz 2011 nach Deutschland. Bald jedoch stellt sich ErnĂŒchterung ein; die veran­schlagten drei Monate verstreichen, oh­ne dass sich gross etwas getan hĂ€tte, und als sie den Wagen Ende Jahr zurĂŒck in die Schweiz holen, ist dieser halbfer­tig. Immerhin findet sich fĂŒr die Endarbeiten eine freie Porschegarage in der Umgebung. Und so melden die Martons ihren E­-Porsche im FrĂŒhling 2012 fĂŒr die Zulassung auf dem Strassenver­kehrsamt an. Dort weiss man bereits vom Projekt und hat im Vorfeld grund­sĂ€tzlich grĂŒnes Licht dafĂŒr gegeben. Auch das Resultat ĂŒberzeugt die Exper­ten auf Anhieb. «Die hatten eine riesige Freude, und wir waren auch ganz hap­py», erinnert sich Till Marton.

ZurĂŒck auf Feld eins
Die Freude wĂ€hrt kurz. Nach wenigen Fahrten merken die Martons, dass die MotorenaufhĂ€ngung im Begriff ist, sich zu verabschieden. Dem Paar ist klar: So gehts nicht. Ans Aufgeben ist allerdings nicht mehr zu denken. «Wir hatten schon viel Zeit und Geld investiert», sagt sie. Und er fĂŒgt an: «Ausserdem waren wir zu stolz, um aufzuhören.» Die bei­den beschliessen, es diesmal selber zu versuchen. «Wir besassen nun ja etwas Erfahrung und konnten die Sache bes­ser beurteilen», sagt Silvia Marton. Also wird der Porsche wieder komplett zerlegt. Till Marton reduziert sein Arbeits­pensum auf 80 Prozent, um fortan einen Tag in der Woche dem Autobau zu wid­men und das Wissen, das er und seine Frau sich in der Zwischenzeit angeeig­net haben, einzubringen. Die beiden sind hĂ€ufig in Internetforen, in denen sich Autobastler austauschen, haupt­sĂ€chlich aus den USA, wo das Werkeln am eigenen Wagen und der Umbau auf Elektromotoren verbreiteter ist als hierzulande. FĂŒrs Mechanische jedoch brauchen sie auch im zweiten Anlauf einen Partner, den sie diesmal in einer klassischen Garage mit leichter Tuning­erfahrung in der Umgebung finden. Be­ziehungsweise: zu finden glauben. Denn auch hier kommt es alsbald zum Still­stand. Der Auftrag ist zu anspruchsvoll.


So geht ein weiteres halbes Jahr ins Land und setzt sich die Suche fort, bis Silvia und Till Marton an die Firma Novidem in Buttwil gelangen, die fĂŒr leistungssteigerndes Tuning bekannt ist. Der Inhaber, ein gelernter Elektriker, bringt nicht nur das Know-­how, son­dern auch ein willkommenes Mass an Begeisterung fĂŒr die Idee mit. Ende 2012 starten die Arbeiten mit neuem Schwung. Der Motor wird ausgetauscht, der Tank durch Batterien und die Servo­pumpe durch eine elektrische Variante ersetzt, das Bremssystem mit einer elektrischen Unterdruckpumpe gelöst, ein Wasserkocher eingebaut, um zu heizen, und ein elektrischer Kompres­sor fĂŒr die Klimaanlage. «Bis aufs Chas­sis, die Sitze und den Antriebsstrang tauschten wir alles aus», erzĂ€hlt Till Marton.

Besonders knifflig ist die Adaption des Elektromotors an den bestehenden Antriebsstrang: WĂ€hrend ein kommer­zielles E-­Mobil ohne auskommt, fĂ€hrt der E­-Porsche der Martons nach wie vor mit Schaltung und Kupplung. «Alle Ab­stĂ€nde mussten genau stimmen, damit es am Ende aufgeht», sagt Till Marton. Ein weiterer Knackpunkt ist das Ge­wicht der Akkus: Der Porsche wiegt neu 1,5 Tonnen, also 150 Kilo mehr als im Originalzustand. Die Martons verbauen 330 Kilogramm Akkus, so viele wie halt möglich, und erreichen damit eine nutz­bare GesamtkapazitĂ€t von 29 Kilowatt­stunden. «Das ist das, was die Hersteller von Elektroautos jeweils angeben.» Am 22. Dezember 2014 fĂŒhrt das Paar den umgebauten Sportwagen erneut beim Strassenverkehrsamt vor: alles gut. Der wohl erste E­-Porsche 968 der Schweiz lĂ€uft.

Emotional ein Gewinn
Und er lĂ€uft gut. Wobei: Die Reichweite sorgt selbst bei den frischgebackenen E­-Porsche­-Besitzern fĂŒr ein Schmunzeln. 90 Kilometer schafft der elektrische Flit­zer momentan. «Wir hoffen, dass wir im Sommer auf 130 kommen», sagt Till Marton. «Wegen der dĂŒnneren Reifen, weil wir nicht mehr heizen mĂŒssen, was enorm viel Strom frisst, und weil die Ak­kus es generell gern wĂ€rmer haben.» Und obwohl es vielleicht nicht nach viel klinge, sagt seine Frau: «Im Alltag ge­nĂŒgt uns diese Reichweite völlig.»

Und die Kosten? Damit, diese zu beziffern, tun sich die Martons am Ende schwer. Nur so viel: «Wir hĂ€tten auch einen Tesla kaufen können.» Und: Nein, finanziell lohne sich ein solcher Umbau in der Tat nicht. Vielmehr mĂŒsse die Überzeugung fĂŒr die Sache im Zentrum stehen – und eben die Ambition, die schiere Machbarkeit einer Idee zu prĂŒÂ­fen. Silvia und Till Marton jedenfalls wollen ihr Projekt nicht missen. «Wir haben jetzt etwas, das technisch nicht ganz so raffiniert sein mag, dafĂŒr ist es einmalig – und wir wissen im wahrsten Sinne des Wortes, was drinsteckt», sagt er. Und damit nicht genug. Das Paar steckt nĂ€mlich bereits in AbklĂ€rungen fĂŒr ein weiteres Elektroauto­-Unterfangen. Worum es dabei geht, wollen sie allerdings partout noch nicht verraten.

Strom tanken
Die Dichte an E-Tankstellen hierzulande ist ĂŒberraschend hoch: Der Schweizerische Verband fĂŒr elektrische und effiziente Strassenfahrzeuge verzeichnet auf seiner Internetseite rund 1000 öffentliche Ladestationen. Auch Silvia und Till Marton stehen in ihrer Region diverse E-ZapfsĂ€ulen zur VerfĂŒgung. Ausserdem haben sie in der Tiefgarage eine eigene Ladestation eingerichtet. Die Hausverwaltung hatte dagegen nichts einzuwenden: Die E-Tankstelle wurde von den Martons, die dafĂŒr einen Sponsoringbeitrag der ElektrizitĂ€tswerke des Kantons ZĂŒrich erhielten, finanziert und lĂ€uft ĂŒber deren StromzĂ€hler. Nun können sie ihren E-Porsche bequem daheim laden (mit leeren Akkus braucht der dafĂŒr immerhin zehn Stunden). In einem langsameren Modus lĂ€sst sich das Auto auch an einer kommunen Haushaltssteckdose auftanken.
www.e-mobile.ch

Archiv

BlÀttern Sie durchs Cigar der Vergangenheit.


Zum Archiv
Salz & Pfeffer cigar