ï»ż cigar | Der Republikaner
Aus Cigar 1/2014
Tabak total

Der Republikaner

Nick Perdomo glaubt an harte Arbeit und an konservative Werte. Von seinen Mitarbeitern fordert er das Gleiche wie von sich selbst. NĂ€mlich jeden Tag, jede Minute alles zu tun — fĂŒr die perfekte Zigarre.

Text und Fotos: Tobias HĂŒberli

Wo die Familie Perdomo politisch steht, wird einem bereits im Vorzimmer der Tabacalera Perdomo in EstelĂ­ glasklar vor Augen gefĂŒhrt. Dick umrahmt prangen die Fotos an der Wand, zum Beispiel eins von Rudolph Giuliani, dem ehemaligen republikanischen BĂŒrgermeister New Yorks, oder eins von Nick Perdomo senior zusammen mit Ronald Reagan. Auch ein handsigniertes Foto von George W. Bush und Gemahlin ist zu finden. Von den Demokraten ist einzig Bill Clinton prĂ€sent, allerdings ziert kein Rahmen sein Konterfei und ist das Bild etwas lieblos in eine Ecke geklebt. Niemals in diese Ahnengalerie schaffen wird es der aktuelle amerikanische PrĂ€sident, vorher wĂŒrde sich Nick Perdomo die Hand abhacken. «Vor der Regierung Obama bezahlte ich 42 500 Dollar Steuern pro Million Zigarren, die ich in die Staaten einfĂŒhrte, heute belaufen sich die Steuern auf 450 000 Dollar, das muss man sich mal vorstellen.»

Nick Perdomo ist ein Konservativer, durch und durch. «Das wĂ€ren Sie auch, wenn Ihre Familie von den Kommunisten verfolgt und vertrieben worden wĂ€re », pflegt er dem EuropĂ€er entgegenzuwerfen, den er – ohne gross nachzufragen – mal als linken Liberalen abstempelt. Nick Perdomos Familienstamm ist eng verflochten mit der kubanischen Tabakindustrie. Sein Grossonkel war 44 Jahre lang kubanischer Tabakminister. Sein Grossvater Silvio Perdomo arbeitete fĂŒr H. Upmann und leitete spĂ€ter bis zur Revolution die Zigarrenfabrik PartagĂĄs. 1959 wurde er von den RevolutionĂ€ren eingesperrt und erst 1974 freigelassen. Nick Perdomo senior arbeitete ebenfalls fĂŒr PartagĂĄs und spĂ€ter in der Direktion von H. Upmann. WĂ€hrend der Revolution kĂ€mpfte er gegen Fidel Castro, wurde dabei zweimal angeschossen und entkam seiner Exekution nur knapp, indem er floh und ĂŒber Uruguay nach Washington DC reiste.

Nick Perdomo wuchs in Miami auf, wo die Familie, wie so viele Exilkubaner, eine neue Heimat gefunden hatte. Er ging fĂŒr fĂŒnf Jahre zur amerikanischen Navy, wurde Pilot und hatte bald einmal einen gut bezahlten Job als Fluglotse am Miami International Airport. Sein Vater fand nicht allzu viel Gefallen daran, dass Nick Perdomo 1992 kĂŒndigte und beschloss, in seiner Garage Zigarren zu produzieren. Im ersten Jahr verkaufte das FĂŒnf-Mann-Projekt mit Sitz in Miami gerade mal 9400 Zigarren. Das Unternehmen wuchs jedoch rasant und verlagerte 1997 die gesamte Produktion nach EstelĂ­, Nicaragua. Mit Hilfe seines Vaters – der dafĂŒr aus seinem Ruhestand zurĂŒckkehrte – stampfte Nick Perdomo eine Musterfabrik aus dem Boden. «Ich wollte die gesamte Produktionskette vom Samen bis zur fertigen Zigarre kontrollieren, nur so kann ich die QualitĂ€t erreichen, die ich mir vorstelle.»

Wer Nick Perdomo zuhört, merkt schnell, dass dieser Mann nicht nur ein Zigarrenmacher ist, sondern auch ein GĂ€rtner, ein Bauer, ein Wissenschaftler und vor allem ein QualitĂ€tsfanatiker. Das beginnt beim Saatgut. Mittels einer selbst gebauten Maschine selektioniert er dieses in drei QualitĂ€ten. Nur die besten Samen schaffen es ĂŒberhaupt auf die Felder. Davor werden sie jedoch unter der Lupe auf SchĂ€den ĂŒberprĂŒft, in eine eigens fĂŒr ihn entwickelte Erdmischung gesetzt und an einem von UmwelteinflĂŒssen geschĂŒtzten Ort aufgezogen. Wir reden hier von jĂ€hrlich ĂŒber 18 Millionen Setzlingen.

Nick Perdomos Tabakfelder liegen in den Regionen EstelĂ­ sowie Jalapa und Condega. Insgesamt belĂ€uft sich die FlĂ€che auf 1013 Morgen, was ihn zu einem der grössten Tabakanbauern Mittelamerikas macht. Die drei Regionen haben sehr unterschiedliche BodenqualitĂ€ten. WĂ€hrend die Erde in EstelĂ­ schwarz ist, weist jene in Jalapa eine rotbraune Farbe auf. In Condega wiederum ist der Himmel oft wolkig, der dort gedeihende Tabak ist deshalb dĂŒnner und eignet sich hervorragend fĂŒr DeckblĂ€tter. Tabak aus EstelĂ­ ist stark, jener aus Condega sĂŒsslich und sehr aromatisch. Angebaut werden die Sorten Criollo 98 und Coroja 99, wobei ein Criollo aus EstelĂ­ völlig anders schmeckt als ein Criollo aus Condega. «Die Geschmacksvielfalt unserer Tabake ist so gross, dass wir damit alle unsere Zigarren fertigen können», schwĂ€rmt Perdomo. Er kauft einzig Connecticut-Shade- DeckblĂ€tter aus Ecuador zu.

Im Anbau ist der 49-JĂ€hrige ein Besessener, alte Traditionen verbindet er problemlos mit aufwendiger neuer Technik, sofern es einer besseren QualitĂ€t dient. So werden die GrĂ€ben zwischen den Tabakpflanzen mit einem Pflug und speziell dafĂŒr ausgebildeten Ochsen gezogen. So wie es in Kuba seit 100 Jahren gemacht wird. «Ein Traktor verletzt die Pflanzen.» DafĂŒr grĂ€bt Nick Perdomo in alle seine Felder mehrere Roboter ein, die wĂ€hrend 114 Tagen den Fruchtbarkeitsgrad messen. Mittels Satellitenbildern weiss er zudem jederzeit, welche Flecken seiner Felder zusĂ€tzlichen DĂŒnger brauchen. «Viele Leute sagen, ich wĂŒrde es ĂŒbertreiben, ich sage ihnen aber, unsere ErntequalitĂ€t ist absolute Spitze, die Technologie hat unsere Zigarren eindeutig besser gemacht.»


Rund 18 Millionen Zigarren wurden letztes Jahr in der Tabacalera Perdomo hergestellt. 80 Prozent davon fĂŒr die eigenen Marken. In seinem Lager hĂ€tte er genĂŒgend Tabak fĂŒr 50 Millionen Zigarren. «Das TabakgeschĂ€ft muss mindestens vier Jahre im Voraus geplant werden, wir brauchen so viel Tabak, weil wir einerseits wachsen wollen und andererseits nie wissen, ob uns mal eine Ernte ausfĂ€llt. Unser Lager reicht fĂŒr 70 Monate Produktion.» Das ist ein Vermögen, denn nicaraguanischer Tabak von dieser QualitĂ€t ist gefragt wie nie. Verkaufen kommt fĂŒr Nick Perdomo allerdings nicht in Frage. «Ich helfe meiner Konkurrenz ganz sicher nicht, da soll jeder selbst schauen.» Bei all seinen Zigarren kann Nick Perdomo ĂŒbrigens die dafĂŒr verwendeten Tabake zurĂŒckverfolgen, auf das bestimmte Feld, den Schnitt, das Erntedatum, die Fermentationsdauer sowie die verantwortlichen Roller und Abpacker. «In so einem langen Prozess können viele Fehler passieren, da ist eine lĂŒckenlose Kontrolle absolut notwendig.»

Als hĂ€tte er nicht genĂŒgend zu tun, liess sich Nick Perdomo vor zehn Jahren zum Vize-BĂŒrgermeister von Miami wĂ€hlen. «Ich wollte etwas fĂŒr die Gemeinschaft tun, aber in der Politik hat es zu viele unehrliche Leute.» Nach vier Jahren konzentrierte er sich darum wieder auf sein wachsendes Tabakimperium. Die Detailversessenheit des Patrons zeigt sich in allen Facetten der Produktion. Auch im langwierigen Fermentationsprozess verbindet er Tradition und Technologie. Chef der Fermentation ist Aristides Garcia HernĂ ndez, ein 85-jĂ€hriger Kubaner und Jugendfreund seines Vaters mit einer Erfahrung von ĂŒber 70 Jahren. Die DĂ€cher der insgesamt vier Fermentationshallen sind derweil mit Nasa-Technologie ausgerĂŒstet, welche die Temperatur auf einem konstanten Niveau hĂ€lt und trotzdem genĂŒgend Tageslicht reinlĂ€sst. FĂŒr die Luftfeuchtigkeit wird nur steriles Wasser verwendet.

Bis zu vier Jahren lÀsst Perdomo seine Tabake fermentieren. Wobei die dicken Ligero-BlÀtter aus Estelí am meisten Zeit brauchen. Die ecuadorianischen Connecticut-Shade-DeckblÀtter bekommen derweil noch eine Extrabehandlung; sie lagern wÀhrend mindestens sechs Monaten in einem Bourbon-Holzfass aus französischer Eiche. «In den FÀssern konservieren wir die Farbe und den Tabakgeschmack der BlÀtter.»

Immer wieder schweift Nick Perdomo eloquent vom Thema ab, wettert kurz ĂŒber die miserable Arbeitsmoral der amerikanischen Jugend, Obamas Sozialprogramme oder ĂŒber die Hersteller von Nikotinpflastern, fĂŒr die er zwar Tabak liefert, die aber nicht funktionieren, da sie schlicht zu wenig Nikotin enthalten. Seine Tabacalera fĂŒhrt er mit fast schon militĂ€rischer PrĂ€zision. Ab der Ernte erhalten die Tabake Fantasienamen, sodass keiner seiner Mitarbeiter weiss, von welcher Farm die unterschiedlichen Tabake stammen und wie sich die einzelnen Zigarrenmischungen zusammensetzen. Im Gegensatz zu einem Grossteil seiner Konkurrenz lĂ€sst er den Zug jeder einzelnen Zigarre testen. Der Druck auf die Roller ist deshalb immens, denn Nick Perdomo bezahlt nur fĂŒr einwandfreie Zigarren. «Ich habe Roller, die fertigten letztes Jahr 103000 Zigarren an, von denen nur 20 nicht zogen.» Perdomo ist hart, aber er ist auch bereit, fĂŒr QualitĂ€t zu bezahlen. «Normalerweise werden Roller von schwierigen Formaten besser bezahlt, wenn aber ein Roller ein einfaches Format Jahr fĂŒr Jahr perfekt rollt, dann bekommt er ebenfalls einen höheren Lohn.» Im Durchschnitt haben Perdomos Roller eine Erfahrung von zwölf Jahren.

In Europa ist fast das gesamte Premiumsortiment von Perdomo erhĂ€ltlich. Rund 20 Prozent der Jahresproduktion verkauft Perdomo mittlerweile ausserhalb von Amerika. FĂŒr das EuropageschĂ€ft hat er seit fĂŒnf Jahren in Frankfurt ein Zentrallager eingerichtet, sodass die Importeure innerhalb von 48 Stunden beliefert werden können. «Der europĂ€ische Markt wĂ€chst nicht so schnell wie der amerikanische, aber ich mag ihn, nur schon wegen den tieferen Steuern », sagt er. Und dann fĂ€ngt er wieder an.

Nick Perdomo (49) hasst Steuern und liebt QualitĂ€t. FĂŒr Letztere ist er bereit, sehr weite Wege zu gehen. In seiner 1997 gegrĂŒndeten Tabacalera Perdomo in EstelĂ­ produziert der Sohn kubanischer Emigranten pro Jahr 18 Millionen Premiumzigarren mit eigenem Tabak. Diesen lĂ€sst er in den Regionen EstelĂ­, Jalapa und Condega anbauen. Mit einer AnbauflĂ€che von insgesamt 1013 Morgen ist Nick Perdomo einer der grössten Tabakproduzenten Mittelamerikas. Er kontrolliert die gesamte Produktion vom Samen ĂŒber die Trocknung und Fermentation bis hin zur fertigen Zigarre und fordert bei jedem der tausenden Arbeitsschritte ein Höchstmass an QualitĂ€t. Seine meistverkaufte Zigarrenlinie kennt man in Europa unter dem Namen «Perdomo 10th Anniversary Connecticut». Empfehlenswert ist auch die Linie «Lot 23».

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